Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Ein Sommer voller Glanzpunkte

4. Juli 2018 | Von | Kategorie: Stadt 

Stars und Hochkaräter gastieren vom 12. Juli bis 25. August im Kulturzelt Kassel: Auf der Facebook-Seite des Kulturzelts Kassel ist zu lesen: „Rock, Jazz, Pop, Weltmusik, Soul, Funk, Blues, neue Talente, und davon natürlich nur das Beste.“ Die Selbstbeschreibung mag nicht gerade bescheiden klingen, sie ist aber völlig richtig – wie die Hochkaräter und Stars in der nun schon 32. Kulturzelt-Saison beweisen. Zum Beispiel kommt am 12. August die Band, die den wahrscheinlich wichtigsten deutschsprachigen Song 2017 vorlegte.Die Techno-Marching-Band Meute eröffnet die Saison mit einem heißen Mix aus Techno und Blasmusik. Foto: Steffi RettingerEin Song wie gute Literatur
Die Rede ist von der Hamburger Indie-Rock-Band Kettcar und „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“. Für die Schriftstellerin Juli Zeh ist es „ein Song wie gute Literatur“. Tatsächlich funktioniert das Lied wie eine musikalische Erzählung. Kettcar-Frontmann Marcus Wiebusch berichtet davon, wie jemand im August 1989 von Hamburg ins Burgenland fährt – über die Kasseler Berge – und an der österreichisch-ungarischen Grenze mit dem Bolzenschneider Löcher in den Zaun schneidet. Der unbekannte Held der Geschichte ermöglicht damit DDR-Bürgern die Flucht in den Westen, vierzehn Menschen, drei Familien.

Zurück in Hamburg sieht sich der Protagonist des Kettcar-Lieds den Vorwürfen seiner (linksalternativen) WG-Mitbewohner ausgesetzt. Die geben zu bedenken, eine kommende deutsche Einheit sei ein großer Fehler, weil Deutschland nie wieder ein Machtblock mitten in Europa werden dürfe. Eine solche Hilfe zur Flucht der DDR-Bürger würde nur zur weiteren Destabilisierung der Verhältnisse beitragen, deshalb sei die Aktion menschlich verständlich, aber trotzdem falsch. Der Unbekannte entgegnet: „Ihr wisst, dass das Schwachsinn ist.“

Pathetisches Plädoyer für Mitgefühl
Das Kettcar-Lied ist ein durchaus pathetisches Plädoyer für Mitgefühl, Solidarität und Menschlichkeit und deshalb so brillant, weil es die gegenwärtige Flüchtlingssituation mit dem Hinweis auf 1989 kommentiert. Wer etwas gegen Flüchtlinge hat, sollte sich an damals erinnern. Dass diese Haltung nicht nur Lob, sondern auch Kritik hervorgerufen hat, ist angesichts der tiefen Gräben in der Gesellschaft nicht weiter verwunderlich. Unbestritten sind jedoch der Mut und die Aussagekraft der Kettcar-Texte, die sich von gefälligem Befindlichkeitspop abheben. Politische Statements gelten schnell als uncool, aber genau damit lässt die Band aufhorchen.

Politisch ist bereits der Titel des aktuellen Kettcar-Albums, heißt es doch „Ich vs. Wir“ – ein Gegensatz, den das Lied „Wagenburg“ thematisiert. Äußerst schlau arbeitet der Text die Ambivalenz sowohl des Individualismus als auch des Kollektivismus heraus. Ein „Ich“ will nur sich optimieren, kann aber auch erhaben sein über kollektive Zwänge. Ein „Wir“ kennt Solidarität, kann aber auch einen Mob bilden und Verräter hängen. Im Refrain heißt es: „Wo Egoschweine erst alleine/ Und dann zusammen, nur an sich denkend, sich zu einem Wir verlieren/ Und jedes Wir sind viele Ichs/ Und viele Ichs wollen dann die Wagenburg, die Wagenburg formieren.“

Blaskapelle spielt Techno
Das Sommerfestival unter der bewährten künstlerischen Leitung von Angelika Umbach und Lutz Engelhardt beginnt am 12. Juli mit der Techno-Marching-Band Meute. Eine Blaskapelle spielt Techno – das wird ein heißer Auftakt im temporären Konzertsaal mit exzellenter Akustik. Gleich darauf kommt ein Großmeister des Jazz, denn am 13. Juli konzertiert der 74-jährige Weltklasse-Pianist Joachim Kühn zusammen mit Bassist Chris Jennings und Schlagzeuger Eric Schaefer, der bereits 2017 im Kulturzelt als kongenialer Impulsgeber beim Michael Wollny Trio Eindruck machte.

Ingesamt 33 Konzerte
Breit gestreut ist das Angebot der insgesamt 33 Konzerte. Dabei sind unter anderem Bosse (19. Juli), Olli Schulz (20. Juli), die Fado-Sängerin Carminho (21. Juli) oder die aus Südafrika stammende Singer-Songwriterin Alice Phoebe Lou (24. Juli), die als freiheitslustige Vagabundin gilt und sich gegen die Kommerzialisierung der Musik wehrt. So wird berichtet, dass sie die Einladung von Coldplay ablehnte, auf deren Europatournee das Vorprogramm zu spielen.

Ihr 25-jähriges Bestehen feiert die intelligente Hamburger Band Tocotronic, die am 26. Juli auftritt. Beim Tented Love Festival am 28. Juli beweisen die heimischen Künstler Mykket Morton, Mohr, Ma Fleur und Paulina Eisenberg, wie wunderbar kreativ und pulsierend die junge Kasseler Musikszene ist. Und am 29. Juli geben sich mit Trompeter Till Brönner und Kontrabassist Dieter Ilg zwei deutsche Jazz-Koryphäen die Ehre.

Ein heißer Typ aus der Schweiz schaut am 5. August vorbei: Singer-Songwriter Julian Pollina, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Faber. Aus Polen kommt die 21-jährige E-Bass-Virtuosin Kinga Glyk (17. August), die als Jazz-Hoffnung gefeiert wird und mit Eric Claptons „Tears In Heaven“ einen fulminanten Youtube-Hit landete.

Am 23. August ist ein ungewöhnliches Instrument zu bewundern: das Hang, das wie zwei miteinander verklebte Wok-Schalen aussieht und mal sphärisch, mal perkussiv klingt. Meisterhaft spielt es der Tiroler Manu Delago, kein Unbekannter in der Region, begeisterte er doch schon im Vorjahr bei den Kasseler Musiktagen. Nach den Nils Landgren All Stars (24. August) steigt das große Kulturzelt-Finale am 25. August auf traditionelle Weise mit den kultigen 17 Hippies. Die Besucherinnen und Besucher erwartet ein Sommer voller Glanzpunkte.
www.kulturzelt-kassel.de

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