Eines vor allem: Der Mensch

Der Kasseler Künstler Wolfgang Luh präsentiert ab März eine mehrteilige Ausstellung über das Leben

Früher galt ein Satz, der allen jungen Mädchen und Hauswirtschaftsschülerinnen gebetsmühlenartig eingetrichtert wurde: „Küche und Bad sind die Visitenkarte der kleinen Hausfrau.“ Nun, würde eine jener Hausfrauen einen Blick in Wolfgang Luhs Wohnung werfen, sie träfe gewiss der Schlag. Statt putziger Nippesfigürchen oder klinisch reiner Möbelhaus-Aufgeräumtheit gibt es in Luhs Küche Kasperleköpfe. Dicht an dicht. Noch schlimmer: das Bad. Keine akkurat gelegten Handtücher, natürlich farblich aufeinander abgestimmt, keine dezent drapierten Parfumflakons. Stattdessen: Aufkleber. Devotionalien, Klosteinhalter. Und Fotos. Gemacht von Menschen, die hier mal zum Pinkeln waren. Was lässt dies für Rückschlüsse auf Wolfgang Luh zu? Ein kompletter Spinner? Mag sein. Hört man ihm zu, spricht man mit ihm, dann kommt man schnell auf einen anderen, richtigeren Dreh. Wolfgang Luh ist ein Sammler. Ein Bewahrer. Und ein Mahner.

Der Geburtstag naht

Kasseler Künstler Wolfgang Luh. Foto: Mario Zgoll

Kasseler Künstler Wolfgang Luh. Foto: Mario Zgoll

Zwanzig Jahre hat es gedauert, bis der gebürtige Büdinger den Weg nach Kassel fand. Stramme neunundreißig Jahre ist er jetzt hier. Einem Künstler wie Wolfgang Luh, einem, der immer irgendwie auf der Suche ist, der auch mal gern in anderen Bahnen denkt, dürfte es eigentlich herzlich egal sein, wo er lebt; an jedem Ort findet so einer etwas zum Denken und Ausprobieren, zum Spielen und Sammeln. Doch der hohe Norden des Landes hat es dem Südhessen angetan. So sehr, dass er hier nicht nur bestens sozial vernetzt ist, sondern auch so sehr, dass er Kassel Bleibendes hinterlassen hat. In diesem Jahr wird Wolfgang Luh 60.

Einer, der sammelt, bewahrt
Luh ist Sammler. Jahrelang konnte man ihn beobachten, wie er den Weinberg durchstreifte, wie er sich immer wieder bückte und irgendwas aus der Erde puhlte. Doch Luh suchte und sammelte nicht etwa Müll. Reste waren es. Reste von gelebten Leben, Reste von Einrichtungsgegenständen und Besitztümern einstiger Kasseler Bewohner, die in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs Besitz und Leben verloren. Wandfliesen fanden sich dort, zerborstene und in der Gluthitze zerborstenes und geschmolzenes Glas, sogar eine plattgedrücke Taschenuhr und eine erstaunlich gut erhaltene, emaillierte Wasserkanne. All diese Fundstücke trug Wolfgang Luh zu einer Ausstellung in der Elisabethkirche zusammen. Dieses Zusammentragen all der vielen Stücke war für den Künstler so etwas wie eine Zeitreise, die so weit ging, dass er sich sogar von den Geistern der mehr als 8.000 Toten, die dort begraben sind, beobachtet fühlte.#

Mehr als 2.500 Fundstücke aus Wolfgang Luhs Ausstellung „Requiem für eine verlorene Stadt“ – unter anderem Scherben und Glasstücke aus Kassels Bobennächten – will Luh zur Eröffnung seiner Ausstellung „Wegbeschreibungen“ nun der Stadt Kassel zum Geschenk machen. Foto: nh

Mehr als 2.500 Fundstücke aus Wolfgang Luhs Ausstellung „Requiem für eine verlorene Stadt“ – unter anderem Scherben und Glasstücke aus Kassels Bobennächten – will Luh zur Eröffnung seiner Ausstellung „Wegbeschreibungen“ nun der Stadt Kassel zum Geschenk machen. Foto: nh

Die Kunst der Reduktion
Mit den Lebenswegen von Menschen, mit Gehen und Hinterlassen, haben auch Luhs neueste Ausstellungen zu tun. „Der Weg – The Path“ wurde die multimediale Installation folgerichtig betitelt, in der d:gallery wird diese zum Thema gemacht und in der Karl-Branner-Halle die Ausstellung selbst, eigentlich eine Retrospektive, gezeigt. Auf höchst unterschiedliche Art berichtet Luhs Kunst über die Lebenswege unterschiedlicher Menschen, symbolisiert und reduziert Vieles auf Artefakte. Um die Präsenz des Wächters, an dem jeder Besucher vorbei muss, erlebbar werden zu lassen, hat sich Wolfgang Luh mehr oder minder prominente Künstler mit ins Boot geholt. In Zusammenarbeit mit den Kasseler Musikern Gertrud Weyhofen und Tobias Seidenthal sowie mit Jeanine Osborne und Martin Kunz (beide Zürich), Dieter Serfas (Hersbruck) und Alois Bröder (Darmstadt) entstand die CD „Die sieben Ebenen“, deren Musik in einer Endlosschleife sieben Ebenen präsentiert, die sich aus unterschiedlichen Geräuschen, Instrumenten und menschlichen Stimmen zusammensetzen.

„Für mich ist diese Ausstellung eine logische Fortführung meines Gesamtwerkes, das sich schon immer mit Menschen, ihren Schicksalen und ihrem ganz kleinen, privaten Leben auseinandersetzt“, sagt Luh. „Alle sprechen in diesen Zeiten über Globalisierung und darüber, dass die Welt immer weiter zusammenwächst. Das ist einerseits wohl richtig. Andererseits zeigen viele aktuelle und von Menschen gemachte Krisensituationen, wie fragil diese Welt und damit unser aller Leben ist. Es ist mir auch ungeheuer wichtig, zu zeigen, dass wir nur konstruktiv nach vorn denken können und dürfen, wenn wir uns mit der Vergangenheit auseinandergesetzt und aus unseren Fehlern gelernt haben, wenn wir gesehen haben, wohin Fehler führen können. Dazu möchte ich mit meinem neuen Projekt einen Anstoß leisten.“

Der Weg
Zweiteiliges Installations- und Ausstellungsprojekt Installation „Der Weg – The Path“, d:gallery, Schönfelder Straße 41a, 21. März bis 17. April, Eröffnung: Freitag, 20. März, 19.30 Uhr
Ausstellung „Wegbeschreibungen“, Karl-Branner-Halle im Rathaus Kassel, 25. März bis 17. April, Eröffnung: Dienstag, 24. März, 17 Uhr, durch Oberbürgermeister Bertram Hilgen

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