Examensarbeit auf d13: Gunnar Richters GeschichtsKunst

Jérôme-Autor Volker Schnell (links) im Gespräch mit Gunnar Richter. Foto: Mario Zgoll

Jérôme-Autor Volker Schnell (links) im Gespräch mit Gunnar Richter. Foto: Mario Zgoll

Eine schlichte Holzhütte in der Karlsaue. Auch drin alles schlicht, ein paar Holzbänke, Klappstühle, Infotafeln an der Wand, eine Leinwand, ein Projektor, es läuft eine Diashow mit überblendeten Bildern, Stimmen einer Frau und eines Mannes liefern den erklärenden Text dazu, andere Stimmen dringen leise auf Englisch aus bereitliegenden Kopfhörern. Die Show läuft 35 Minuten, nach vier Minuten Pause geht’s von vorn los, den ganzen Tag lang. Spaziergänger und documenta-Besucher werfen einen Blick hinein, manche hauen gleich wieder ab, manche bleiben nur wenige Minuten, andere ziehen sich die gute halbe Stunde rein. Sonderlich viel Betrieb herrscht nicht. In der Vorstellungswelt einer gewissen Dame mit rotblonder Lockenmähne und eckiger Hornbrille, die überall mit einer verhuschten Malteserhündin auftaucht und die alle Welt „CCB“ nennt, handelt es sich um Kunst. (In meiner Vorstellungswelt als Krimileser und -autor ist CCB die Abkürzung für das „Criminal Courts Building“ von Los Angeles, das Strafgerichtsgebäude.) Eigentlich handelt es sich um Pädagogik, Aufarbeitung von Geschichte, nämlich des Konzentrationslagers Breitenau bei Guxhagen vor den Toren von Kassel.

Wenn man Glück hat, sitzt vor der Hütte ein freundlicher Mensch mit zerzaustem Grauschopf, Bart und Brille und erklärt einem, was es mit diesem, äh, dieser Geschichtskunst auf sich hat. Wir haben nicht Glück, wir sind verabredet, und während er faszinierend erzählt, versammeln sich bald Besucher um uns, eine Gratisvorlesung. Der freundliche Herr heißt Gunnar Richter und ist Leiter der Gedenkstätte Breitenau, ein KZ von 1937 bis 45, in dem politische Häftlinge, Juden vor dem Weitertransport nach Osten, zum Schluss auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene saßen. Kurz vor Kriegsende, als die Amerikaner anrückten, wurden 28 Männer, die aus Russland, Frankreich und den Niederlanden stammten, dort erschossen. Verantwortlich dafür war ein gewisser Franz Marmon, SS-Mann und Kassels letzter Gestapo-Chef. Zunächst untergetaucht, wurde er 1950 geschnappt, 1952 wurde ihm am Landgericht Kassel der Prozess gemacht. Da ihm nicht nachzuweisen war, er hätte nicht, wie behauptet, nur Befehle aus Berlin weitergegeben, konnte er nur wegen „Rechtsfahrlässigkeit“ zu zwei Jahren verurteilt werden, die mit der U-Haft als bereits abgesessen galten. Er kam frei. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil ein Jahr später. Breitenau geriet in Vergessenheit. Bis Gunnar Richter kam, ab 1979, damals Student. Die Diashow dokumentiert seine akribische Recherche und die Ergebnisse. Es war seine Examensarbeit. Dreißig Jahre später ist daraus ein documenta-Kunstwerk geworden.

Geschichte und Entwicklung Kassels spielt herausgehobene Rolle
CCB behauptet, sie hätte kein Konzept, aber das ist natürlich Quatsch, in Wahrheit hat sie mehrere. Eins davon, so Gunnar Richter, beinhaltet, dass zum ersten Mal die Geschichte und Entwicklung von Kassel eine herausgehobene Rolle spielen soll. Verbunden damit ist das Thema Zerstörung und Wiederaufbau, immer irgendwo auf der Welt aktuell, daher die Verbindung Kassel – Kabul. CCB hat alle knapp zweihundert documenta-Künstler aufgefordert, die Gedenkstätte Breitenau zu besuchen, und „fast alle waren da, bevor sie sich an ihre Kunst machten, manche haben Bezug darauf genommen.“ Da war es naheliegend, auch das Original zu präsentieren. Warum in einer Holzhütte? „Na ja, einer der modernen Pavillons hätte irgendwie nicht gepasst. Die Hütte wirkt doch freundlich, wie ein Gartenhäuschen. Und drin dann das.“ Gartenhäuschen? Ich hatte gleich die Anmutung Baracke. „Ach? Interessant. Da bin ich noch nicht drauf gekommen.“

Examensarbeit als Diashow
Das vergessene Breitenau, heute eine offene psychiatrische Einrichtung sowie Wohnheim und Reha für seelisch kranke Menschen, war seit 1979 ein Forschungsprojekt der damaligen Gesamthochschule Kassel. Und laut Richter „das erste überhaupt zur Aufarbeitung des Dritten Reichs in Westdeutschland. Das ging ja erst 1978 los, als die Serie ’Holocaust’ im Fernsehen gelaufen war. Und anfangs waren es gar nicht die Historiker, ich studierte ja Gesellschaftslehre und Kunst bei Prof. Dietrid Krause-Vilmar.“ Tatsächlich, deutschsprachig gab es bis dahin nur Übersetzungen, Erinnerungsliteratur, „Gesichter des Dritten Reiches“ und „Hitler“ von Joachim Fest, der Journalist war. Die ganze Flut von Fachliteratur begann erst in den Achtzigern auf uns einzustürzen. Die 68er hatten zwar schon Fragen gestellt, aber denen ging es mehr um Faschismustheorie als um historische Aufarbeitung. Gunnar Richter war mit seiner Diashow 1982 und ein Jahr später mit einer ersten Ausstellung vor Ort in Breitenau ein Pionier, in mehr als einer Hinsicht: Eine Examensarbeit als Diashow abzugeben, war damals auch etwas völlig Neues. Den Text sprachen jemand vom Hessischen Rundfunk und Richters damalige Lebensgefährtin; den weiblichen Part der für die documenta notwendigen englischen Version hat jetzt die Englisch studierende gemeinsame Tochter eingelesen, damals noch gar nicht geboren, übrigens eine traumschöne junge Frau.

Hundert Jahre lang Menschen gefangen
Gunnar Richter hat Breitenau zu seinem Beruf gemacht, bis heute leitet er die 1984 gegründete Gedenkstätte im ersten Stock der historischen „Zehntscheune“ des ehemaligen Klosters, wo die Bauern ihren „Zehnten“ abliefern mussten. „Hundert Jahre lang“, erzählt er, „sind dort Menschen gefangen gehalten worden. Ab 1874 war es ein sogenanntes Arbeitshaus, ein Zuchthaus für Bettler, Landstreicher und Prostituierte, die man ’Korrigenden’ nannte, ihr Lebenswandel sollte dort ’korrigiert’ werden. Dann acht Jahre lang KZ, nach dem Krieg bis 1973 ein geschlossenes Heim für schwer erziehbare Mädchen. Auch eine interessante Geschichte.“

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