„Kassel wird immer besser!“

Mit einem Festakt startete die Herkules-Stadt in ihr Jubiläumsjahr

Blick in den Festsaal. Foto: Andreas Weber

Blick in den Festsaal. Foto: Andreas Weber

Mit so viel brasilianischem Temperament hatte ich an der Stelle nicht gerechnet, meine Damen und Herren“, begrüßte Hubertus Meyer-Burckhardt die Gäste des Festakts zum Start in Kassels Jubiläumsjahr. Dem nachhallenden Applaus, gerichtet an das soeben noch die Ouvertüre zur Oper Ruslan und Ludmilla darbietende Staatsorchester, schloss sich der ihm geltende nahtlos an. Oberbürgermeister und Ehrengäste, darunter den aus dem 1152 ersterwähnten Gießen (Meyer- Burckhardt: „Im Vergleich zu Kassel eine Neubausiedlung.“) stammenden Ministerpräsidenten Volker Bouffier, hieß er herzlich willkommen. Es sei für ihn, der seit 1977 nicht mehr in Kassel lebe, eine Ehre, durch diesen Abend moderieren zu dürfen.

Sichtbare Spuren hinterlassen
„Nach zwei Jahren Planung und Vorbereitung starten wir heute in ein Jubiläumsjahr, das, da bin ich überzeugt, in seiner Fülle und Einzigartigkeit sichtbare Spuren in den Annalen unserer Stadt hinterlassen wird“, ließ Oberbürgermeister Bertram Hilgen wissen. In seiner Festrede erinnerte er an die Ersterwähnung Kassels als Chassalla am 18. Februar 913 und zeigte die Entwicklung zur prosperierenden Großstadt heutiger Tage auf. „Dabei war Kassel Schauplatz bedeutender, dramatischer, tragischer, schicksalhafter Ereignisse, immer wieder im Wechsel mit Epochen des Wachstums, der Entwicklung und Blüte“, sagte Hilgen. Gelingen und Scheitern, Licht und Schatten – beides gehöre zu den bewegten elf Jahrhunderten Kasseler Geschichte.

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Alles Kapriziöse fremd
Das größte Kapital, die Energiequelle der Stadt, sei die Verbundenheit, die Einsatzbereitschaft und die Liebe der Kasseler, Kasselaner und Kasseläner mit, für und zu ihrer Heimat. Von hier komme ein Menschenschlag, der häufig und im besten Sinne als bodenständig beschrieben werde. „Herzlich, beständig, zielstrebig und zuverlässig, mit Disziplin, Hartnäckigkeit und dem Sinn für das Wesentliche verfolgen die Menschen zu Füßen des Herkules ihre Ziele und Aufgaben und leisten dabei oft Erstaunliches, ohne jedoch großes Aufheben darum zu machen“, erklärte Hilgen. Alles Kapriziöse sei ihnen fremd und vielleicht habe es in der Vergangenheit auch deshalb nicht selten den Blick und den Anstoß von außen gebraucht, um die eigene Bedeutung und Leistung zu erkennen.

Kulturland von Weltformat
Eine Einschätzung, die sich auch in der Festrede des Ministerpräsidenten wiederfand: „Manchmal sind die, die immer vor Ort sind, sich gar nicht bewusst, welche Schätze, welche Bedeutung man in seiner eigenen Stadt hat. Und der, der gelegentlich vorbeikommt, der staunt.“ Dass Hessen Kulturland von Weltformat ist, lasse sich nirgendwo schöner zeigen als in Kassel: von der Documenta, über den Umbau der Museumslandschaft, bis zur Brüder-Grimm-Ausstellung in diesem Jahr: „Hier in Kassel kommt Kultur zum Strahlen!“

Jubiläum für ganz Hessen
Der 1100. Geburtstag dieser Stadt sei ein Jubiläum für ganz Hessen, die hessische Geschichte ohne die Geschichte Kassels nicht zu verstehen. „Wir Hessen wollen mitfeiern“, erklärte Bouffier, weshalb auch der Hessentag in diesem Jahr in Kassel ausgerichtet werde.

An Bertram Hilgen, der die Würdigung stellvertretend für die Bürger seiner Stadt entgegennahm, überreichte Volker Bouffier die Freiherr-vom-Stein-Plakette, die dazugehörige Urkunde und etwas, für das er schon ganz konrekte Pläne hatte: „ … ein persönliches Geschenk, eine Ehrentafel des Ministerpräsidenten, die im Rathaus, in Ihrem Büro, einen angemessenen Platz finden wird.“

Weltpremiere und Konfektaufsatz
Der Weltpremiere des Films „Virtuos Virtuell“ von Maja Oschmann und Thomas Stellmach zur Ouvertüre der Louis-Spohr-Oper „Der Alchimist“, gespielt vom Staatsorchester Kassel, folgte die Festrede vom „Gralshüter der hessischen Hochsprache“ (Meyer-Burckhardt) Karl Garff, der sich zunächst mit „Frau Goethe“ Anneliese Hartleb über des Dichters Beziehung zu Kassel austauschte. Einst sei er mit dem kleinen Fritz von Stein alle Kaskadenstufen hinauf gelaufen. „Donnerwetter!“ Den Herkules habe Goethe allerdings nicht ausstehen können, ihn gar mit einem Konfektaufsatz verglichen.

Märchen-Central
Glückwünsche gab es auch von Nora Grominger, die sich den Märchen der Brüder Grimm auf ihre ganz eigene Art zuwendete. „Ich bin geehrt und überfordert, Ihnen … eine weitere Eule nach Kassel tragen zu dürfen. Sie sind, das weiß die ganze Welt, wenn Sie nicht documenta sind, Märchen-Central.“ Sie zeichnete Kassel als einen „Ort, an dem das Wünschen noch hilft“, in dem man im Tierpark anrufen und sich nach einem sprechenden Wolf erkundigen könne, ohne Hohn und Spott auf sich zu ziehen.

Wert des Erlebten
Die wohl persönlichste Rede des Abends hielt GEO-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede. Er, aus Kassel stammend und seit drei Jahrzehnten in Hamburg lebend, sei der „Quotenschmeichler“ des Abends. Gaede schilderte seine Bemühungen, „die metropolitanen Schnösel“ unter seinen Freunden und Kollegen mit allerlei Erfindungen, Namen und Superlativen für Kassel zu begeistern und seine Erkenntnis, dass es private Erlebnisse und gesellschaftliche Ereignisse sind, die einen mit einer Stadt verbinden, in der man gelebt hat. „Der Respekt vor der royalen Grandezza der Parkanlagen, die turbulente Aufbruchsituation der 68er-Schulzeit, der erste Kuss im Tempel am Weinberg, das Rudern auf der Fulda, die fünf Mark pro Stunde für das Bewachen von Christos Phallus während der documenta 4, der Blick vom Café Rosenhang, die Mathe-Exegesen auf der Aue-Wiese, …“ All das sei folgenschwerer als das auswendig Gelernte, mit dem man Uneingeweihte vom Wert einer Kommune zu überzeugen versuche.

Kassel wird immer besser
Kassel könne rau sein und melancholisch machen und sei in der Mitte „vielleicht keine Beauty-Queen, aber Offenheit, Luft, Durchsicht ohne Bedrängung“. Kassel sei nicht pompös, nicht süßlich und nicht kitschig. Kassel sei nicht aufdringlich und werde dabei immer besser. „Ich mag sie, diese Stadt, aus der Ferne, immer mehr. Und ich wünsche Ihnen, die diese Stadt Kassel aus der Nähe erfahren, das gleiche Gefühl. Mögen Sie Kassel! Kassel hat es verdient!“

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