Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Keine Stunde wie die andere

26. Juni 2018 | Von | Kategorie: Stadt 

Seit September 2017 leitet Susanne Völker das Dezernat für Kultur der Stadt Kassel. Zuvor war sie Gründungsleiterin und Ausstellungsmacherin der Grimmwelt, der sie mit viel Herzblut zu internationalem Renommee verholfen hat. Die Stadt Kassel durchläuft aktuell einen Erarbeitungsprozess zur Formulierung einer Kulturkonzeption, die Handlungsfelder für eine zukunftsgerichtete Kulturentwicklung benennt und Maßnahmen definiert. Die Erarbeitung einer nachhaltigen strategischen Kulturkonzeption ist bis zum Jahr 2030 vorgesehen. Grund genug für uns, die Kulturdezernentin zum Interview einzuladen und mit ihr über den Status quo der Kulturkonzeption Kassel, den Prozess und die Weiterentwicklungen zu sprechen.

Foto: Mario ZgollJérôme: In den letzten Monaten wurden drei große Kulturworkshops und zwei Sonderworkshops realisiert. Was hat Sie am meisten beeindruckt? Was ist Ihr persönliches Fazit?

Susanne Völker: Der gesamte Prozess hatte eine hohe Schlagzahl und hat großes Engagement von allen Beteiligten gefordert. Es ist ja für die meisten Akteure im laufenden Alltagsbetrieb nicht immer einfach, sich die Zeit für Workshops, Diskussionsrunden und Beiratssitzungen zu nehmen. Deshalb bin ich froh, dass es uns gelungen ist, den Prozess so transparent und partizipativ zu gestalten, dass sich viele Kulturschaffende daran beteiligt haben, und ich bin für dieses Engagement dankbar. Sehr gefreut und beeindruckt hat mich die Qualität der Debatte. Die Ergebnisse der Kulturworkshops genauso wie die Arbeit mit dem Beirat, der den Prozess so hervorragend begleitet, weil alle Beteiligten ein hohes Maß an Vorwissen und Kommunikationsbereitschaft eingebracht haben. Es war durch den gesamten Prozess allen spürbar daran gelegen, ergebnisorientiert und gemeinsam an einer Weiterentwicklung der Kasseler Kultur zu arbeiten. Natürlich ist man sich nicht immer in jeder einzelnen Fragestellung einig, aber die Grundhaltung und die Gesprächskultur waren positiv und wertschätzend. Im Ergebnis haben wir Handlungsfelder und konkrete Maßnahmenvorschläge erarbeiten können, welche die Mehrzahl der Forderungen und Vorstellungen der Kasseler Kulturszene berücksichtigen. Das ist auch das Ergebnis des großen Engagements aller Beteiligter.

Jérôme: Welche Ergebnisse haben die Workshops geliefert? Welche Maßnahmen werden nun umgesetzt?

Völker: Ohne dem Abschlussbericht der Kulturkonzeption vorgreifen zu wollen kann ich sagen, dass sich bereits jetzt konkrete Handlungsfelder abgebildet haben. Natürlich ist da das nicht zu leugnende und viel diskutierte Problem fehlender Räume im Bereich der freien Szene. Es mangelt an adäquaten Probe-, Produktions- und Aufführungsräumen. Hier ist die Stadt gefragt. Ebenso evident sind Aufgaben in den Bereichen der zeitgemäßen Vernetzung der Akteurinnen und Akteure und eine Weiterentwicklung der Kulturförderung mit Blick auf bisher ungenutzte Fördertöpfe von Land Bund und EU. Aus diesen und weiteren Ergebnissen der Kulturkonzeption resultieren dann die konkreten Handlungsfelder und mögliche Maßnahmen. Deutlich wurde auch immer wieder der Wunsch nach einer gemeinsamen Haltung, welche die Kasseler Kultur in ihrer Gesamtheit ebenso wie in ihrer Vielfalt abbildet.

Nachdem der Abschlussbericht vorliegt, wird in den entsprechenden politischen Gremien darüber diskutiert werden, bevor die Kulturkonzeption den Stadtverordneten zur Beschlussfassung vorgelegt werden kann. Für eine Umsetzung dieser Kulturstrategie bedarf es dann einer Planung und Priorisierung, damit dieser strategische Planungsprozess in konkrete, politische Entscheidungen und damit auch in entsprechende Haushaltsmittel überführt wird.

Jérôme: Wird eine Erweiterung des Förderinstrumentenportfolios des Kulturamts angestrebt?

Völker: Das Thema Kulturförderung steht von Beginn an weit oben auf meiner Agenda, denn aktuell bemüht sich eine stetig wachsende Zahl an Akteurinnen und Akteuren um die gleichen städtischen Fördermittel. Deshalb wird es zukünftig eine unserer Aufgaben sein, neue Mitteltöpfe beispielsweise bei Land, Bund und EU zu identifizieren und die Beratung weiter zu entwickeln, dass die Kasseler Kulturszene durch das Kulturamt der Stadt Kassel dabei unterstützt werden kann, auch andere Fördermittel als die städtischen zu erhalten.

Jérôme: Das Kulturamt Kassel fördert in allen Kunstsparten eine große Vielfalt von Einrichtungen, Ensembles und Projekten sowohl institutionell als auch projektbasiert. Wo erhalten interessierte Kulturschaffende Informationen über die Fördermöglichkeiten?

Völker: Über aktuelle Fördermöglichkeiten kann man sich über das Kasseler Serviceportal (http://www.serviceportal-kassel.de/cms05/dienstleistungen/031036/index.html) einen ersten Überblick verschaffen. Das ersetzt natürlich nicht die persönliche Beratung durch das Team der städtischen Kulturförderung, aber auch hier gilt: je besser ein Beratungstermin vorbereitet ist, desto konkreter können mögliche Wege besprochen werden. Das Team begleitet hierbei seit vielen Jahren eine Vielzahl von Kulturschaffenden und hat gemeinsam mit den Akteurinnen und Akteuren immer wieder Lösungen entwickelt, auch wenn in einer Welt begrenzter Ressourcen leider nicht immer jeder Wunsch realisierbar ist.

Jérôme: Was sind die nächsten Meilensteine der Kulturkonzeption Kassel?
Völker: Der nächste Schritt ist die Fertigstellung des Abschlussberichts und seine Reflexion und Diskussion in den Gremien. Danach wird der Bericht der Stadtverordnetenversammlung zum Beschluss vorgelegt und dann, ein positives Votum vorausgesetzt, zu einer wichtigen Handlungsgrundlage der Kasseler Kulturpolitik der kommenden Jahre werden. Vor diesem Hintergrund ist übrigens auch eine kulturpolitische Leitidee, wie sie in der Kulturkonzeption gefordert und auch formuliert wird, so wichtig. Denn sie kann als Klammer für unsere vielfältige Stadtgesellschaft dienen, in dem sie Gemeinsamkeiten anstelle von Differenzen betont.

Jérôme: Bitte gestatten Sie uns noch einige persönliche Fragen: Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit am besten?

Völker: Kein Tag ist wie der andere, oft ist keine Stunde wie die andere. Das ist einerseits eine große Bereicherung und macht mein Leben sehr aufregend – gleichzeitig ist es eine Herausforderung. Sehr viel in meiner Tätigkeit hängt unmittelbar mit Kommunikation zusammen oder ist gar von ihr abhängig. Eine wichtige Aufgabe ist es deshalb immer, Anliegen und Ziele zu verstehen – unabhängig davon ob sie in einer inhaltlichen, politischen, technischen, persönlichen, freundlichen oder konfrontativen Sprache kommuniziert werden. Nur dann können gemeinsame Lösungen entwickelt werden – und wenn mir und meinem Team das gelingt, ist das der beste Teil meiner Arbeit.

Jérôme: Welche Person aus der Gegenwart würden Sie gerne treffen? Haben Sie Vorbilder?

Völker: Ich schätze mich glücklich, sehr viele interessante Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen zu treffen und freue mich oft besonders über Begegnungen, die Überraschendes bergen und bei denen sich plötzlich Themen, Ideen oder Wege auftun, mit denen vorher nicht zu rechnen war. Das geschieht natürlich vor allem dann, wenn sich Personen offen und neugierig gegenübertreten. Diese Begegnungen haben dann manchmal etwas Magisches und dafür bin ich dankbar. Mit konkreten Vorbildern tu ich mich schwer – von keinem Menschen kann man verlangen, immer vorbildlich zu sein. Vielmehr beeindrucken und inspirieren mich an unterschiedlichen Menschen und in unterschiedlichen Situationen bestimmte Fähigkeiten und Verhaltensweisen: Mut, Aufrichtigkeit, Kreativität, Empathie, Wissen…

Jérôme: Wie schaffen Sie den Ausgleich zu Ihrem beruflichen Alltag?

Völker: Das ist gerade im Moment eine wichtige Frage. Jede Amtszeit bietet Herausforderungen und die Person im Amt findet Wege, damit umzugehen. So ist es auch bei mir, nur dass ich mich in der besonderen Situation wiederfand, gleich zu Beginn meiner Zeit als Kulturdezernentin einer Vielzahl von großen Aufgaben gegenüberzustehen: die kulturpolitische Arbeit im Eindruck der documenta14, die Kulturkonzeption, die Veranstaltungstour durch alle Stadtteile, der Prozess der Kulturhauptstadtbewerbung, das documenta-Institut, die Weiterführung der Geschäftsführung der Grimmwelt, der Obelisk… Da ist ein Ausgleich wichtig und den finde ich vor allem in der Natur – es ist unglaublich entspannend, im Grünen zu sein und die hiesigen Berge oder die Treppen am Herkules hoch und runter zu laufen, aber auch Bücher zu lesen, Musik zu hören und mit Freunden über alle möglichen Themen zu sprechen, die mit meinen Herausforderungen nichts zu tun haben. Die Welt ist vielfältig genug und bietet so von sich aus immer wieder Möglichkeiten zum Ausgleich.

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