Lustschloss als Politikum

Ein Rundgang mit MHK-Leiter Martin Eberle auf der Löwenburg
Seit 225 Jahren thront die Löwenburg, eingebettet in den Kasseler Bergpark, oberhalb des Schlosses Wilhelmshöhe. Am 2. Dezember 1793 erfolgte die Grundsteinlegung. Gebaut nach Entwürfen des Hofbaumeisters Heinrich Christoph Jussow, stellt sie ein wichtiges Einzelelement im Gesamtkunstwerk Bergpark Wilhelmshöhe dar und gilt kunstgeschichtlich als eines der ersten bedeutenden Gebäude der Neugotik in Deutschland.

MHK-Leiter Prof. Dr. Martin Eberle im Inneren der Löwenburg. Foto: Mario Zgoll

Zunächst lediglich als ruinenhafter Turm mit Nebengebäude geplant, entstand bis 1801 eine komplette Burganlage mit Burggarten, Weinberg, Turnierplatz und Tiergarten, die Landgraf Wilhelm IX., dem späteren Kurfürst Wilhelm I. als Lustschloss, also privater Rückzugsort abseits von Hofzeremoniell und Staatspflichten, diente. Nichtsdestotrotz sei ihre Errichtung natürlich ein Politikum gewesen, so Prof. Dr. Martin Eberle, der bereits während seines Studiums der Kunstgeschichte, Geschichte und Historischen Hilfswissenschaften einen kurzen Stopp in Kassel machte und schon damals beeindruckt von der Bergpark-Anlage gewesen sei.

Kassel als Pflichtort
Auch nach dem Ende seines Studiums, dessen weitere Stationen München, Bamberg und Jena waren, stattete der gebürtige Bayer Kassel regelmäßige Besuche ab: „Es gab immer wieder einen Grund hierher zu kommen. Zum Beispiel wurden immer wieder tolle Sonderausstellungen gemacht.“ Für Kunsthistoriker sei Kassel ein Pflichtort, wegen der documenta natürlich, aber auch die Sammlung der Gemäldegalerie, die des Astronomisch-Physikalischen-Kabinetts und die Antikensammlung gehörten zu den beeindruckendsten innerhalb Europas.

Freundliche Nordhessen
Nach der Leitung des Gohliser Schlösschens in Leipzig und des Städtischen Museums Braunschweig war Eberle ab Oktober 2007 Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha. Seit Mai 2018 leitet er nun die Museumslandschaft Hessen Kassel. Hier warten große Aufgaben auf den 50-Jährigen. Glücklicherweise habe er sich schnell in alles reingefunden – auch dank der laut Eberle zu Unrecht als abweisend verpönten Nordhessen, wie er betont. „Ich habe die Nordhessen als sehr freundliches Volk kennengelernt.“ Auch bemerke er, wie in der Stadt ein gewisser Stolz erwachse, der ihm gut gefalle. Die Aufnahme des Bergparks Wilhelmshöhe mit seinen Wasserkünsten ins UNESCO-Weltkulturerbe habe dazu sicherlich beigetragen, aber auch darüber hinaus habe Kassel schließlich einiges zu bieten.

Museumslandschaft
Die Museumslandschaft Hessen Kassel ist mit der Verwaltung der kunsthistorisch bedeutsamen hessischen Liegenschaften und Sammlungen in Kassel betraut. Dazu gehören die Karlsaue mit der Orangerie und dem Marmorbad, das Hessische Landesmuseum mit der Torwache, die Neue Galerie sowie der Bergpark Wilhelmshöhe mit dem Herkules, dem Schloss Wilhelmshöhe, dem Ballhaus, dem Großen Gewächshaus und eben der Löwenburg.

Ideale Burg
Diese sei dereinst als eine der ersten pseudomittelalterlichen Ruinen Europas im Sinne einer idealen Burg konstruiert worden, so Eberle. Man habe das schönste, was man an Burg haben kann, zusammengetragen. Um Historizität zu simulieren, habe man sie bewusst mit Mobiliar aus verschiedenen Epochen wie dem Barock oder der Renaissance bestückt – ganz als sei die Innenausstattung über die Jahrhunderte gewachsen.

Ein Zeichen setzen
Vor dem Hintergrund der Französischen Revolution und den aus ihr resultierenden politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen habe Landgraf Wilhelm IX. ein Zeichen setzen wollen, um die Alterwürdigkeit des Hauses Hessen zu demonstrieren und seine Herrschaft zu legitimieren, sagt Eberle. So erkläre sich auch die Konstruktion der Löwenburg als Ruine – ein romantisch-verklärter Verweis zurück auf nicht mehr zurückzuholende glanzvollere Zeiten.

Sanierung für 30 Millionen
Regelrecht ins Schwärmen gerät Eberle angesichts der Holzmalerei im Inneren der Burg. Auch hier habe man weder Kosten noch Mühen gescheut. Die bereits aus Holz bestehende Vertäfelung habe man mit Holz imitierenden Pinselstrichen übermalt, um besondere Farbeffekte zu erzielen – zum einen um Kunstfertigkeit zu demonstrieren, zum anderen um auch hier den Luxus der Innenausstattung zu betonen. Besichtigt werden kann die Holzmalerei allerdings derzeit nicht, denn die Löwenburg wird aktuell für rund 30 Millionen Euro saniert.

Neue Perspektiven
Man habe die Verpflichtung, die Burg für zukünftige Generationen zu erhalten, so Eberle. Es sei jedoch komplizierter, eine Ruine zu sanieren als einen Neubau. Die Arbeiten erfolgen in mehreren Bauabschnitten – auch um die Burg für die Besucher geöffnet zu lassen. Der Zugang ist derzeit nur der Marstall war bisher verschlossen und völlig unrestauriert – ganz wie der Stallmeister ihn dereinst verlassen hat, so Siegfried Hoß, Leiter der Gärtenabteilung. Besichtigt werden können darüber hinaus momentan nur die Rüstkammer und die Burgkapelle.

Wie zu Kurfürst Wilhelms Zeiten
Im Zentrum der Sanierung steht der Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bergfrieds, aber auch die Sicherung des überkommenden Baubestandes und der Wiedereinrichtung der Innenräume mit ihrem ursprünglichen Mobiliar. Letztlich gehe es aber auch um den Bergpark als Ganzes, so Eberle. Auch in einer historischen Anlage müsse man den Besuchern immer etwas Neues bieten. Nach dem Abschluss der Sanierung soll die Löwenburg wieder so erlebbar sein, wie zu Zeiten des Kurfürsten Wilhelm I.

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