Niemals Everybody’s Darling

Kassels Kämmerer Dr. Jürgen Barthel geht nach 24 Jahren in den Ruhestand

Ohne sich wirklich anstrengen zu müssen, kämen die Freunde des gepflegten Klischees bei Kassels Stadtkämmerer auf ihre Kosten. Der Barthel? Irgendwie ein bisschen hüft-steif, ziemlich unlocker. So ein richtig stieker Hamburger eben, und dass von da oben nur Pfeffersäcke herkommen, die mit Geld zu tun haben, das ist ja ohnehin bekannt. So weit das Klischee. Wer sich aber mal die Mühe macht, mit jenem Kämmerer, mit dem Barthel, in Ruhe zu reden, der erlebt einen klugen, besonnen Mann, in gesundem Maße uneitel, witzig und gescheit. Kein Selbstdarsteller, aber einer, der in der Sache schon mal hart sein kann. Mit Dr. Jürgen Barthel, der nach 24 Jahren als Kämmerer im Sommer in den Ruhestand geht, sprach Jérôme-Redakteur Ralph-Michael Krum.

Foto: Mario Zgoll

Foto: Mario Zgoll

Jérôme: Die Einnahmen in Sachen Einkommens- und Gewerbesteuer sollen so hoch werden wie noch nie, Sie selbst bekommen immer bessere Presse. Das war nicht immer so.

Dr. Jürgen Barthel: Ich frage mich auch oft, warum ich jetzt so ein Glück habe. Dabei mache ich eigentlich im Vergleich zu früheren Jahren nichts wesentlich anderes. Es ist aber so, dass unsere Konsolidierungsstrategie, in der wir auf Wachstum gesetzt haben, jetzt langsam aufgeht. Ein Beispiel dafür ist die tolle Entwicklung der Einnahmen aus der Gewerbesteuer.

Jérôme: Ihnen hängt noch immer der Ruf an, so ein bisschen ein hüftsteifer Langweiler zu sein. Wie leben Sie damit?

Barthel: Damit kann ich gut leben. Ich bin kein Politiker, und ich bin auch ein eher distanzierter Typ, also keiner, der auf jedem Fest aufschlägt.

Jérôme: Dabei haben Sie ja einschlägige Erfahrung im Showgeschäft. Als Sänger.

Barthel: Stimmt, ich habe mal in einer närrischen Stadtverordnetensitzung gesungen. Das war, glaube ich, 1992. Ich habe den schönen Schlager „Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?“ zum besten gegeben. Diese Rolle war mir aber wohl nicht auf den Leib geschnitten, und ich glaube, alle waren ganz froh, dass ich das dann gelassen habe.

Jérôme: Also kein launiger Entertainer. Stattdessen ein Sparkommissar, der auch unpopuläre Entscheidungen durchprügelt?

Barthel: Nehmen wir das Beispiel Langes Feld. Ich bin froh, dass wir in der Lage waren, dieses umstrittene Projekt gegen alle damaligen Widerstände durchgesetzt zu haben. Heute redet niemand mehr davon. Ebenso beim Flughafen. Wären wir auf den Wähler schielende Populisten, dann hätten wir einen Rückzieher gemacht. Es braucht Seriosität im Verhalten und in den Forderungen, und dazu Durchhaltevermögen. Schon immer war auch mir wichtig, nicht auf irgend welche kurzfristigen Wahlerfolge zu setzen, stattdessen auf Perspektive. Meinem Nachfolger Christian Geselle werde ich auf meiner Abschiedsrede sagen: Wenn dir nach einem Jahr immer noch alle auf die Schulter klopfen und dir sagen, dass du der beste Kämmerer aller Zeiten bist, dann solltest du deine Strategie überdenken. Mann kann in diesem Job nicht Everybody’s Darling sein.

Das letzte Winken: Kassels Kämmerer Dr. Jürgen Barthel geht am 22. Juli nach 24 Jahren im Amt in den Ruhestand. Foto: Mario Zgoll

Das letzte Winken: Kassels Kämmerer Dr. Jürgen Barthel geht am 22. Juli nach 24 Jahren im Amt in den Ruhestand. Foto: Mario Zgoll

Jérôme: Sie haben drei Oberbürgermeister höchst unterschiedlicher Natur erlebt. Mit welchem lief es am besten?

Barthel: Mit Wolfram Bremeier war die Zusammenarbeit kurz; mit Georg Lewandowski und Bertram Hilgen jeweils mehr als zehn Jahre. Kein Kämmerer kann und darf immer mit dem OB einer Meinung sein, aber Profis müssen vernünftig im Interesse der Stadt zusammenarbeiten. Das hat auch funktioniert. Mit Bertram Hilgen hat sich in den vergangenen Jahren ein gutes, auch bei Konflikten belastbares Vertrauensverhältnis gebildet.

Jérôme: Zwei Fragen sind obligatorisch, die muss ich einfach stellen. Was würden Sie mit dem Wissen von heute nicht mehr so machen?

Barthel: Ich war immer für enge Zusammenarbeit zwischen Arbeitsagentur und kommunaler Arbeitsförderung, also das gemeinsame Jobcenter. Mit den Kollegen vor Ort klappt die Zusammenarbeit auch hervorragend. Aber mit der Überfrachtung an Vorschriften und Regelungen, die von der BA-Zentrale in Nürnberg und Frankfurt kommen, kann man nicht effizient arbeiten. Deshalb würde ich heute dieses Thema vielleicht anders entscheiden.

Jérôme: Und ihre schönste Entscheidung?

Barthel: Eindeutig die für das Auebad. Da haben wir zwar viel Geld ausgegeben, und das hat mir auch Kopfzerbrechen bereitet, aber ich war immer von dem Standort überzeugt.

Jérôme: Wann wird ihr letzter Tag im Amt sein?

Barthel: Am 22. Juli. An diesem Tag wird man mich sehen können, wie ich mit einem Lächeln, Hand in Hand mit meiner Frau, zum letzten Mal als Kämmerer die Rathaustreppe hinuntergehe.

Jérôme: Und dann? Sie reisen gern …

Barthel: Stimmt. Wir haben uns ein schönes Freizeitauto angeschafft. Damit wollen wir lange Touren machen, viel sehen und erleben. Italien ist wunderschön, und ich habe eine Reise durch Skandinavien im Kopf. Wir möchten viel Kultur genießen, ins Theater gehen, auf Konzerte und in Galerien, vieles machen, zu dem mir bislang die Zeit fehlte. Aber wissen Sie, was das Beste ist? Ich werde jetzt in Kassel völlig unbeschwert Kulturveranstaltungen besuchen können, ohne ständig daran denken zu müssen, was die wohl gekostet haben.

Dr. Jürgen Barthel. Geboren 1953 in Hamburg. Das dienstälteste Magistrats-Mitglied der Stadt. Studium der Volkswirtschaft in Frankfurt, dann Promotion. Arbeitete zweimal in Brüssel bei der Europäischen Gemeinschaft, sechseinhalb Jahre bei der Deutschen Bank im Firmenkreditgeschäft.

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