Poesie auf der der Baustelle

Viele Zuhörer beim ersten Kasseler Poetry Walk auf der Friedrich-Ebert-Straße
„Neulich hat mich meine Freundin verlassen“, beginnt Alexander Groß seinen Text vorzutragen. „Ooooh“, schallt es aus dem Publikum zurück. Mit seinem blauen Helm und einer grell reflektierenden Weste steht der junge Poetry-Slammer auf der Rasenfläche der Grünen Banane. Die Friedrich Ebert Straßen-Baustelle hat sich am Abend des 12. August in eine Bühne verwandelt. Ihre Rasenflächen, Bürgersteige und das umher stehende Baustelleninventar dienten dem Publikum als Sitzgelegenheiten.

Die launige Poetry-Gesellschaft machte auch an der Karthäuser Straße Halt. Foto: Stadtbüro Friedrich-Ebert-Straße

Die launige Poetry-Gesellschaft machte auch an der Karthäuser Straße Halt. Foto: Stadtbüro Friedrich-Ebert-Straße

Draußen statt in der Kneipe
Es war der erste Poetrywalk in Kassel, eine Initiative des Stadtbüros Friedrich-Ebert-Straße und des Vereins Bunte Wege e.V., um das Quartier – trotz oder gerade wegen der Baustelle – für Bewohner und Besucher auf eine neue, kreative Art erfahrbar zu machen. Um 18.30 Uhr begann auf der Freifläche gegenüber der Tramhaltestelle Annastraße mit Gitarrenklängen und Gesang der Poetrywalk. „Genießen Sie es einfach“, forderte Moderator Claas Dohmann die bis zu 150 Zuschauer und Zuhörer aller Generationen auf und holte, einen nach dem anderen, fünf junge Künstler und anschließend auch sich selbst ans Mikrofon. Claas Dohmann, Ercan Agirman, Joki Keilen, Gisela Paulus, Katarina Lobanow und Alexander Groß erzählten Geschichten und trugen Gedichte zu unterschiedlichen Facetten des Lebens vor: Liebe und Verlassenwerden, Politik und Menschlichkeit, Umgang mit neuen Medien und schließlich ganz eigene private Erfahrungen waren Themen der vorgetragenen Texte.
Sogar einen Abend aus der Sicht einer Pizza durften die Zuschauer miterleben. Es war eine bunte Mischung zwischen Humor und Ernsthaftem. Die Vorträge fanden an sechs unterschiedlichen Orten statt. Die Umzüge von Station zu Station begleitete eine leise Livemusik. „Poetrywalks sind sehr untypisch für die Poetry-Sam-Szene“, sagt Ercan Agirman. „Normalerweise finden die Veranstaltungen in Kneipen bei ein paar Bieren statt.“

„Das ist eine coole Idee“
Die Idee zu Kassels erstem Poetry Walk stammt von Falk Jacob und Claas Dohmann von Bunte Wege e.V., und die derzeit verkehrsfreie Friedrich-Ebert-Straße war die perfekte Bühne für die Umsetzung. „Es ist schwierig, einen solch ungewöhnlichen Poetryslam-Abend gut durchzuplanen, aber es ist alles noch besser gelaufen, als wir es uns vorgestellt haben. Ich freue mich vor allem, dass so viele gekommen sind“, sagt Claas Dohmann. Und gekommen sind wirklich viele. Auch vorbeigehende Passanten gesellten sich zu den Zuschauern, und an einer Station lauschten sogar Menschen von einem Gebäudedach und aus einem Fenster den Stimmen und Musikklängen der jungen Künstler. „Ich finde die Aktion toll“, sagt ein Mann aus dem Publikum, „Kultur darf nicht nur am Bebelplatz stattfinden. Dieser Teil war immer abgeschnitten vom Geschehen. Aber solche Aktionen sowie die Umgestaltung zum Boulevard bewirken Großes für die Friedrich-Ebert-Straße.“ Auch eine junge Frau bestätigt: „Das ist eine coole Idee.“

Und dann doch noch: die Kneipe
Am Ende des Abends kehrt die Poetry-Gesellschaft im Goldenen Hirsch ein. Nach den letzten Zeilen lädt der Moderator das Publikum ein, den Künstlern noch bei einem Bier Gesellschaft zu leisten. Auch Jens Franken vom Stadtbüro Friedrich-Ebert-Straße richtet einige abschließende Worte an die Zuschauer. „Genießt die Baustelle! Genießt die Friedrich-Ebert-Straße, denn die Baustelle bietet Möglichkeiten – dieser Abend war auf jeden Fall ein Genuss.“

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