Zweite Zwischenbilanzkonferenz: Da hat was geruckelt

Wirtschaftsminister Dieter Posch, Regionalmanager Holger Schach und Oberbürgermeister Bertram Hilgen zogen positive Bilanz im Südflügel des Kulturbahnhofs. Foto: Bernd Schölzchen

Wirtschaftsminister Dieter Posch, Regionalmanager Holger Schach und Oberbürgermeister Bertram Hilgen zogen positive Bilanz im Südflügel des Kulturbahnhofs. Foto: Bernd Schölzchen

Die Reden sind alle von Erfolgen und Optimismus durchdrungen, die Redner haben die Brust stolz geschwellt. Die Zuhörer, etwa 250 Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft, unterstreichen ihre Wichtigkeit, indem sie eher gelangweilte Mienen aufsetzen und auf ihren Smartphones herumdrücken. Der Südflügel des Kulturbahnhofs ist herausgeputzt. Beim Büffet zur Mittagszeit sind die Schlangen lang, aber wir von der Journaille kriegen nichts ab, weil gleichzeitig das Pressegespräch mit Wirtschaftsminister Dieter Posch, OB Bertram Hilgen, IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Walter Lohmeier, Uni-Präsident Rolf-Dieter Postlep, Landrat (Werra-Meißner-Kreis) Stefan Reuß und Regionalmanager Holger Schach stattfindet.

Alle sind so zufrieden mit sich, dass sie sogar darüber lachen können, wie zwei Frankfurter Kabarettisten, die sich als Herbert und Hildegard Mumpitz vorstellen, die Region durch den Kakao ziehen: „Gesundheit und Mobilitätswirtschaft. Na toll! Wenn ich am Tropf häng oder das Auto kaputt ist, denk ich an Nordhessen. Zentrale Lage in Deutschland und Europa? Das mag schon sein, aber für Afrika gilt das für die Sahelzone auch.“ Ja, diese Frankfurter. Die gucken jetzt mit Neid auf das, was sie „Hessisch Sibirien“ nennen. Und Neid muss man sich erarbeiten. Das haben die Nordhessen in den letzten zehn Jahren tatsächlich geschafft.

Aus Tiefschlaf erwacht
Über zwanzig Jahre lebte ich im Ruhrgebiet, wo es dauernd eine Initiative nach der anderen gab, und nahm die alte Heimat, obwohl plötzlich vom Zonenrand in die Mitte gerückt, als eine Gegend wahr, die irgendwo zwischen Tiefschlaf und Koma zu liegen schien. Der alte Freund Klaus Becker, der immer alles wusste und alle kannte, sagte bei Besuchen auf meine Frage, was sich denn so tue: „Hier? Hier tut sich gar nix.“ Auch die anderen Freunde taten, was des Nordhessen Lieblingsbeschäftigung ist: Mähren. Irgendwann nach der Jahrtausendwende hatte die Stadt Kassel mal den höchsten Anteil an Sozialhilfeempfängern der ganzen Republik, höher als in den ärmsten Gegenden des Westens oder irgendwo im Osten. Aber in den letzten Jahren tat sich dann allerhand. Während im Ruhrgebiet sich die vielen Initiativen verzetteln und versickern, wachte Nordhessen auf und fing praktisch sofort an, einen steilen Berg hochzukrabbeln.

Der Mann, der Dornröschen wachküsste, heißt Dieter Posch, war damals schon mal und ist jetzt wieder Wirtschaftsminister des Landes. Er initiierte vor zehn Jahren eine erste solche Konferenz, auf der das Regionalmanagement Nordhessen gegründet wurde. „Das hat einen richtigen Ruck gegeben, weg vom Klagen, hin zum Anpacken.“ Demonstrativ sieht er sich um in dem Raum, in dem auch die erste Konferenz schon stattfand. „Damals war das hier alles noch nicht renoviert und unbeheizt, überall hingen Schläuche herum. Da draußen sehen wir jetzt die Regiotram, das war damals noch ein Traum.“ In zehn Jahren wird es eine dritte Konferenz geben. OB Hilgen will, „dass Kassel und Nordhessen dann zu den wohlhabendsten Regionen Deutschlands und Europas gehören.“ Und das scheint gar nicht unrealistisch zu sein.

Netzwerke und Cluster
Der Mann, der nach dem Wachküssen die eigentliche Arbeit übernahm, Dornröschen wieder aufzupäppeln, war von Anfang an und ist bis heute Geschäftsführer der Regionalmanagement Nordhessen GmbH, Holger Schach. Gut gelaunt führt er eine Karikatur vor, die damals in der HNA stand. Darauf zieht ein Regionalmanager einen Karren, auf dem zwei bräsige Nordhessen sitzen, einer sagt zum anderen: „Henner, ich glaub, es hat `n bisschen was geruckelt.“ Schach hatte bereits Erfahrung in so was, hat dasselbe schon in Thüringen gemacht, musste aber jetzt ganz andere Erfahrungen machen: „In Thüringen wurden solche Dinge nach der Wende mit viel Geld angeschoben. Hier gab es gar kein Geld.“ Also wurden Netzwerke geschmiedet zwischen Leuten der Landkreise, der Stadt Kassel, der Universität, dem Regierungspräsidium, den Kammern und vielen anderen Akteuren in der Region. Und Cluster gebildet, die zu wirklichen Stärken geworden sind, etwa Mobilitätswirtschaft / Logistik, Dezentrale Energien / Ernergieeffizienztechnik oder Tourismus / Gesundheit / Wellness. Allein Ausgründungen der Universität schufen mindestens 15.000 neue Jobs, rechnet Uni-Präsident Postlep vor, und IHK-Chef Lohmeier weist darauf hin, dass das Vertrauen in die Wirtschaft enorm gestiegen sei: „Die Psychologie entscheidet darüber, ob investiert wird oder nicht. Außerdem arbeiten Politik und Wirtschaft jetzt gut zusammen. Es ist nicht mehr so, dass die einen bloß die Rahmen setzen und die anderen nur darüber schimpfen.“ Die Erfolge sprechen für sich. „Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist heute in Nordhessen so hoch wie nie zuvor“, fasst Posch zusammen. „Und Nordhessen ist die Industrieregion Nr. 1 in Hessen.“ Hier gibt es eben keinen Boom aus irgendwelchen Windeiern, die irgendwann platzen können, hier brummt die Realwirtschaft.

Dabei bleiben die Macher realistisch. Im umfangreichen Begleitband sind auch Schwächen und Risiken aufgeführt, die für zukünftige Probleme sorgen können – vor allem Fachkräftemangel bzw. -abwanderung, denn die Löhne sind oft niedriger als anderswo, außerdem Überalterung und nicht zuletzt die Mentalität von uns sturen Nordhessen: Wir unterschätzen uns, wir sind nicht selbstbewusst und stolz genug, wir heißen Gäste und Zugezogene nicht hinreichend willkommen, und die Konkurrenz zwischen dem Oberzentrum Kassel und dem Umland ist manchmal bescheuert. OB Hilgen will „die Debatte um die Gebietsreform nicht wieder aufmachen, aber wenn man aus der Luft guckt, wo die Besiedelung aufhört, dann hätte Kassel 330.000 Einwohner“.

Wieso keine Gebietsreform?
Wieso eigentlich nicht? Der ganze Altkreis gehört eingemeindet. Dass sich um 1970 ein OB namens Branner von einem Landrat namens Köcher über den Tisch ziehen ließ, der Landkreis zwei andere schluckte, die Stadt nichts abbekam und Köcher lauter Kunstgemeinden gründen konnte, ist ein historisches Versagen, das endlich korrigiert gehört. Was schreibt jedes Unternehmen aus, sagen wir mal, Lohfelden oder Fuldatal an den Lieferwagen? Genau: Kassel-Lohfelden, Kassel-Fuldatal, weil außer den Einwohnern kein Mensch weiß, wo diese unhistorischen Orte überhaupt liegen. Das schreibt ein Einwohner von Fuldatal, der sich selbstverständlich als Kasseler fühlt. In NRW sind die notwendigen Eingemeindungen zur gleichen Zeit von einer Landesregierung gleicher Farbe durchgezogen worden, zum Segen aller. Manchmal muss Politik den Mut haben, sich mit interessegeleiteten Bürgern anzulegen und das Richtige durchzusetzen. Wer bei jedem Protest gleich zurückzuckt, gestaltet nichts.

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