Bettenhausen: Hektische Ruhe in grau & bunt

Die neue Reihe in Jérôme dreht sich um Kassels Stadtteile. Wir beginnen mit Bettenhausen, jenem Stadtteil, der heute von Vielen nur noch als Anhängsel der Leipziger Straße wahrgenommen wird. Völlig zu Unrecht.

Wenige Meter, dann ist Ruhe
Bettenhausen. Ein bunter Stadtteil. Hektisch, laut, grau, aber auch leise, betulich und bunt. In jedem Fall aber widersprüchlich. Um das zu erleben, muss man allerdings schon einmal sein Auto verlassen. Wer das tut und sich die Zeit nimmt, der wird belohnt. Und überrascht.

Es sind eigentlich zwei Adern, die den Charakter des höchst ambivalenten Stadtteils im Kasseler Osten ausmachen. Da ist zum einen die Leipziger Straße. Die große Verkehrsader ruht eigentlich nie so richtig. Zu den Hauptverkehrszeiten rauschen all die Pendler aus Kaufungen, Hessisch Lichtenau und vielen weiteren Städtchen und Ortschaften über sie in die Stadt, das gleiche Spiel wiederholt sich dann zwischen Nachmittag und Abend in umgekehrter Richtung. Dazwischen, davor und danach: Lieferverkehr, Anwohner, Menschen, die zum Einkaufen kommen oder zum Arzt wollen.

Die Optik entlang der Straße ist gewöhnungsbedürftig, gleicht jedoch der vieler anderer Städte. Fast-Food-Restaurants und alte, mehrfach umgewidmete Industriebauten, große Autohäuser und kleine Autohändler, hochwertige Geschäfte und einige, bei denen man sich über deren Zweck auf den ersten Blick nicht immer einig ist. Kein Zweifel, das ist urbanes Leben.

Im Garten der Kunigundis-Kirche herrscht eine entspannende Beschaulichkeit. Foto: Ralph Krum

Im Garten der Kunigundis-Kirche herrscht eine entspannende Beschaulichkeit. Foto: Ralph Krum

… und dann: Ruhe
Das gleiche urbane Leben erlebt man aber auch, wenn man in eine der kleinen Seitenstraßen eintritt. Hier allerdings, nur wenige Meter von der Ein- und Ausfallstraße entfernt, umfängt den Besucher ein völlig anderer Charakter, erlebt er eine Ruhe, die so nicht unbedingt zu erwarten war. Auf einem großen Platz, der an den überschaubaren Ortskern eines beschaulichen Marktfleckens erinnert, sitzen Mütter mit ihren Kleinkindern, plaudern Menschen miteinander, versuchen sich Eltern mit ihren Sprösslingen beim Basketball. Man kennt sich hier. In sonnendurchfluteten Höfen sitzen Hausbesitzer im Unterhemd, Efeu und Kletterpflanzen ranken sich romantisch an Backsteinwänden empor, Katzen laufen gewichtig über die schmalen Straßen, als gehöre ihnen jeder Meter Asphalt. Fast kitschig.

Irgendwo zwischen bayerischem Vorzeige-Flair und skurrilem Ruhrgebiet-Charakter: Die Eindrücke, die auf den unvoreingenommenen Besucher Bettenhausens warten, sind so ambivalent wie das Leben im Stadtteil selbst. Foto: Ralph Krum

Irgendwo zwischen bayerischem Vorzeige-Flair und skurrilem Ruhrgebiet-Charakter: Die Eindrücke, die auf den unvoreingenommenen Besucher Bettenhausens warten, sind so ambivalent wie das Leben im Stadtteil selbst. Foto: Ralph Krum

„Aufschwung ist spürbar“
Einer, der seit Jahren mit Bettenhausen verbunden ist , ist Alfons Fleer. Der Kinderarzt hat nicht nur seine Praxis hier, sondern zog vor einigen Jahren von Kirchditmold nach Bettenhausen auf einen alten Bauernhof. Fleer war Ortsvorsteher und ist heute Mitglied des Ortsbeirats. „Als ich mich selbstständig machte, stellte ich fest, dass es weder in Bettenhausen noch in Waldau oder in Niestetal einen Kinderarzt gab, also entschied ich mich für Bettenhausen. Ich komme aus dem eher kommunikativen Ruhrgebiet, und da ich weder adliger noch großbürgerlicher Abstammung bin, bilde ich mir ein, dass ich mit allen meinen Eltern in der Praxis, egal, ob sie Akademiker sind oder nicht, jederzeit vernünftig kommunizieren kann.“ Privat hatte sich Fleer nach seinen Jahren in Kirchditmold geschworen: „Nie wieder Fachwerk!“ Dann wurde alles anders. „Bei einem Besuch in Bettenhausen war alles tief verschneit, so richtig romantisch, und da ist es bei mir passiert. Also haben wir hier einen alten Hof gekauft, und dort lebe ich heute mit meiner Frau.“

Hier lässt es sich leben, findet Fleer. „Bettenhausen war als reines Industriegebiet vorgesehen, aber irgendwann hat man die Pläne fallen lassen, und dann ist es zu Zeiten des Zonenrandgebietes liegen geblieben. Heute sind hier viele kleine, wenig profitable Gewerbe wie Künstler oder kleine Autohändler in ihren Nischen zuhause, weil die Mieten noch günstig sind, aber der Aufschwung der gesamten Stadt ist auch hier spürbar. Und was den Bereich Multikulti angeht: Da existiert hier ein recht tolerantes Nebeneinander.“

Die Leipziger Straße ist als große Hauptverkehrsstraße eine wichtige Verbindung zwischen Kassel und der Region. Das Verkehrsaufkommen war hier schon immer groß und wuchs kontinuierlich an, Erleichterung gab es seit Eröffnung der Anschlussstelle Kassel-Ost. Diese Verbindung zur Bundesstraße 7 wird mit dem Bau des neuen Autobahndreiecks im Kasseler Osten wegfallen. Foto: Mario Zgoll

Die Leipziger Straße ist als große Hauptverkehrsstraße eine wichtige Verbindung zwischen Kassel und der Region. Das Verkehrsaufkommen war hier schon immer groß und wuchs kontinuierlich an, Erleichterung gab es seit Eröffnung der Anschlussstelle Kassel-Ost. Diese Verbindung zur Bundesstraße 7 wird mit dem Bau des neuen Autobahndreiecks im Kasseler Osten wegfallen. Foto: Mario Zgoll

Wie Bettenhausen wurde …
Eine kleine, unscheinbare Steintafel an einem weiß gestrichenen Haus, unmittelbar an der Losse. Die Gemeinde Bettenhausen, so steht dort in altmodischer Sprache zu lesen, habe an dieser Stelle zum Wohl der Schuljugend mit Gottes Hilfe ein Schulhaus gegründet. Das Datum dieser Inschrift: der 21. Juli 1817. Als „ewiges Andencken“ hatte der Gemeindevorstand den Bau der Schule betrachtet. Diese Ewigkeit währte nur 87 Jahre. Im Jahr 1904 wurde die Schule zum Bürgermeisteramt umfunktioniert, zwei Jahre darauf wurde Bettenhausen der unabhängige Status genommen, das Dorf wurde Kassel zugemeindet.

Wo?
Die Grenzen des Stadtteils sind klar festgelegt. Niestetal-Sandershausen bildet im Norden die Grenze, im Süden Waldau und das Forstfeld, im Westen grenzt der Wahlebach die Unterneustadt ab, an der A7 ist im Osten Schluss.

Wann?
Am 31. August 1845 wurde Bettenhausen erstmals urkundlich erwähnt. Die damalige Schreibweise lautete „Bethnehüsun“. Die Herkunft des Namens ist strittig. Möglich ist die Variante, der Name entstamme dem noch heute gebräuchlichen Familiennamen Bettenhausen. Eine andere Möglichkeit: Der Name habe seinen Ursprung in den drei germanischen Göttinen Wilbeth, Barbeth und Anbeth.

Was?
Bettenhausen war bis zu seiner Eingemeindung 1906 wichtiger Faktor bei der Industrialisierung Kassels. Bekannt ist bis heute die ehemalige Textilfabrik Salzmann & Comp. sowie der durch Landgraf Karl 1679 erbaute Messinghof, das älteste, noch existierende Industriegebäude Nordhessens.

Wohnen & Wirtschaft
Firmen wie Spinnfaser, AEG, Philips, Hagen oder Enka gibt es nicht mehr. Seit 20 Jahren aber erholt sich Bettenhausen wirtschaftlich. Gewerbe- und Unternehmensparks florieren, neue Geschäfte haben sich angesiedelt. Während einige Gebäude verfallen, wird der Stadtteil als Wohnstandort immer attraktiver.

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