Stadteil im Porträt: Vorderer Westen

Eine Hommage an einen Kasseler Lebens(t)raum

Lieber Vorderer Westen, ich gebe es zu, ich war dir untreu. Aber nur einmal, als ich dir den Rücken zugekehrt habe, und die große weite Welt sehen wollte. Schnell bin ich wieder zurückgekehrt und schätze mehr denn je die kleinen Kuriositäten und Besonderheiten, die ich täglich mir dir erleben darf – du bist Heimat und Komfortzone, manchmal laut und manchmal leise, manchmal nervtötend und machmal inspirierend – aber vor allem so liebenswert und so facettenreich.

Wunderschöne Architektur: Idyllische Rückzugsmöglichkeiten in mitten des sonst so belebten Stadtteils. Foto: KBMK

Wunderschöne Architektur: Idyllische Rückzugsmöglichkeiten in mitten des sonst so belebten Stadtteils. Foto: KBMK

Eine Kindheit im intellektuellen Vakuum und der totalen Freiheit
Aber auf Beginn: Vor rund 30 Jahren waren viele der Bewohner Angehörige der Generation „Müsli“. Intellektuelle wie beispielsweise Professoren, Psychologen, Lehrer und vor allem Studenten, die ihre Vollkornnudeln im Reformhaus kauften und Aldi nur aus Erzählungen kannten. Die „Greenpeace“-Flagge hing in vielen Fenstern und die Laternenmasten waren liebevoll mit „AKW, nein Danke!“-Aufklebern verziert. Uns Kinder hat das ganze nicht interessiert, wir hatten unsere Freunde, unsere Hinterhöfe und unsere Schleichwege im ganzen Viertel. Lieber Vorderer Westen, warst du schon damals also das Dorf mitten in der Stadt? Eine Bestandsaufnahme…

Wie alles begann
Die Entstehung des Stadtteils geht auf das große Engagement von Sigmund Aschrott – einem Kasseler Industriellen und Kommerzienrat – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück: Der Geschichte nach kaufte Aschrott zwischen Ständeplatz und Querallee im großen Stil Grundstücke. Es entstanden repräsentative Wohnungen mit hohen, lichtdurchfluteten Räumen. Grünanlagen, Vorgärten, Alleen und begrünte Plätze sollten für eine hohe Wohnqualität sorgen – keine Industriebetriebe und keine Gewerbe, die Lärm, Qualm oder üblen Geruch verursachen, so waren die Vorgaben.

Zurück ins Heute – alles in der Nähe
Die heutige Infrastruktur des Vorderen Westens bietet alles, was man zum Leben benötigt: zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten, Cafés und Bars, Kunst und Kultur, Programmkino und Theater, Grünflächen zum Verweilen oder Austoben, eine Hinterhofkultur, Rückzugsmöglichkeiten oder totalen Trubel.

Kunst im öffentlichen Raum
Im Vorderen Westen gibt es zahlreiche Kunstwerke im öffentlichen Raum. Neben etwa 20 Standorten von „Beuys-Bäumen“ (7000 Eichen) im Stadtteil sind etliche Skulpturen, Denkmäler und künstlerische Objekte zu finden. Die Galerie- und Atelierszene hat sich gut etabliert und jährliche Rundgänge laden zur kreativen Inspiration ein.

Ganze Straßenzüge aus der Gründer- und Jugendstilepoche bezeugen eine Zeit der Pracht und des Großbürgertums. Foto: KBMK

Ganze Straßenzüge aus der Gründer- und Jugendstilepoche bezeugen eine Zeit der Pracht und des Großbürgertums. Foto: KBMK

Der Kiez hat seine Regeln
Mancher Zugezogene wundert sich: da trifft man zwei- oder dreimal eine Person auf der Straße und dann wird man einfach von der Person gegrüßt. Ja, so ist das im Vorderen Westen – man ist freundlich und entspannt und wie gesagt, ein bisschen wie Dorf, nur ganz anders. Auch das Verhältnis zwischen Fußgängern und Autofahrern ist hier etwas spezieller: der Fußgänger im Vorderen Westen hat grundsätzlich Vorrang und so verhält er sich auch – manchmal zum absoluten Unverständnis der Autofahrer.

Und dann wird es bunt
Einmal im Jahr verändert sich das Bild ganzer Straßenzüge im Vorderen Westen: Kostümierte Menschen aus einer scheinbar anderen Welt werden zu Selbstdarstellern und es wird zauberhaft, mysteriös und vor allem bunt: die Connichi ist in der Stadt. Die Connichi – eine Anime-Manga-Convention – findet jährlich im September im Kongress Palais Kassel und Umgebung statt und ist mit rund 24.000 Besuchern über drei Tage die größte ihrer Art. Das muss man einfach mal erlebt haben und wenn auch nur als stiller Beobachter.

Architektonische Perlen aus der Gründerzeit
Natürlich hat der Vordere Westen auch hässliche Seiten: in der Nachkriegszeit wurde viel des zerstörten Baubestands durch die rationale 50er-Jahre-Architektur ersetzt – aber ganze Straßenzüge aus der Gründer- und Jugendstilepoche verzaubern den Betrachter und bezeugen eine Zeit der Pracht und des Großbürgertums. Reich verzierte Fassaden, dekorative Türen und Fenster, geschwungene Dachelemente und warme, aber dezente Farben kann man heute noch überall im Vorderen Westen entdecken.

Neue Lebensräume enstehen
Auf dem ehemaligen Gelände der Bereitschaftspolizei-Kaserne ist ein komplett neues Wohnareal entstanden: Durch umfangreiche Sanierungs- und Umbaumaßnahmen des denkmalgeschützten Kasernengeländes ist ein gemischt genutztes, urbanes Stadtquartier für Alt und Jung geschaffen worden. Bestehende Gebäude wurden modernisiert, Stadtvillen und soziale Wohnkomplexe um die große, zentrale Grünfläche errichtet. Nach dem irischen Nobelpreisträger Samuel Beckett, der öfter in der Bodelschwinghstraße bei seiner Geliebten Peggy Sinclair zu Besuch war, erhielt die Anlage ihren Namen und neue Interpretationen seines Werks und Schaffens sind als Kunstprojekte überall zu finden.

In der Architektur der „Samuel-Beckett-Anlage“ verwurzelt: die Liebe Becketts zu Peggy Sinclair. Foto: KBMK

In der Architektur der „Samuel-Beckett-Anlage“ verwurzelt: die Liebe Becketts zu Peggy Sinclair. Foto: KBMK

Wo gehobelt wird, da fallen Späne
Zu jeder Städteentwicklung gehören Baustellen. Aber die Bewohner – und vor allem der Handel – werden seit Jahren auf eine harte Probe gestellt: Die neu konzipierte Straßenführung der Goethestraße und die dadurch entstandene großzügige Promenade erfreut sich der allgemeinen Beliebtheit und wird im Sommer zum Hotspot des Quartiers, aber solche Veränderungen und Baumaßnahmen benötigen ihre Zeit. Die Friedrich-Ebert-Straße befindet sich momentan noch in der Bauphase – Lärm, Baustellen und eine ständig geänderte Fahrbahnführung sorgen für Unmut. Aber auch an anderer Stelle sind die negativen Auswirkungen der Entwicklung zu spüren: In manchen Straßen ist der Wohnraum so beliebt, dass sich die Mietpreise massiv erhöht haben und Parkplätze echte Mangelware sind – aber andere Straßenzüge verwahrlosen langsam und kämpfen mit hohen Leerständen.

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