Den guten Lauf fortsetzen

Die Wirtschaftsregion und ihre Perspektiven
30 Jahre Wirtschaftsförderung Region Kassel feierte man am 24. August im Südflügel des Kulturbahnhofs. Gemeinsam mit rund 300 Gästen richtete man dabei den Blick in die Zukunft. Ehrenredner der Veranstaltung war der ehemalige Bundeswirtschafts- und -außenminister Sigmar Gabriel.

Julia Esterer, Sigmar Garbiel, Mario Mehren, Christian Geselle und Claus Peter Müller-von der Grün (v.l.) im Gespräch auf dem Podium. Foto: Mario Zgoll, nh

Die Wirtschaftsregion Nordhessen ist gut vernetzt, das war auf der Feier anlässlich des 30. Geburtstags der Wirtschaftsförderung Region Kassel (WFG) deutlich zu spüren: Kaum ein Unternehmer, Entscheider, Macher aus der Region, der nicht zugegen gewesen wäre. Mit Freude aber dennoch kompakt blickte WFG-Geschäftsführer Kai Lorenz Wittrock in seiner Begrüßung auf die positive wirtschaftliche Entwicklung der Region seit dem Sommer 1988 zurück, in dem die WFG im damaligen Zonenrandgebiet gegründet wurde. Vielmehr als dem Rückblick wollte man sich an diesem Tag den Zukunftsfragen widmen.

Ehrengast Gabriel
Geopolitische Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft und Perspektiven, lautete das Thema der Festveranstaltung, das man der Internationalisierung der Region in Verbindung brachte. Man freue sich, mit Sigmar Gabriel einen Kenner und einen Streiter auf internationaler Bühne hier in Kassel begrüßen zu dürfen, erklärte Kai Lorenz Wittrock. Gelöst vom Gewicht des Amtes als Außenminister gewährte Gabriel sodann ungeschönte und klare Einblicke in seine Einschätzung des politischen Weltgeschehens und die Folgen für die Wirtschaft.

Überraschende Bedingungen
Schon zu Beginn hatte Moderater Claus Peter Müller-von der Grün eine Frage formuliert, die man im Anschluss auf dem Podium diskutierte: „Wie gelingt es uns den guten Lauf, den wir in den vergangenen Jahren begonnen haben, in Zukunft, unter womöglich überraschenden Bedingungen fortzusetzen?“ Julia Esterer, Geschäftsführerin von Ulrich Esterer Fahrzeugaufbauten und Anlagen, Oberbürgermeister Christian Geselle, Prof. Dr. Clemens Hoffmann, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik, Wintershall-Vorstandsvorsitzener Mario Mehren sowie Prof. Dr. Rolf-Dieter Postlep als Präsident des Deutschen Studentenwerks und des Netzwerks Hessen-China gesellten sich zu Sigmar Gabriel auf die Bühne, um Antworten zu finden.

Hoffen auf starkes Europa
„Die Welt orientiert sich neu“, wie Wintershall-Vorstandsvorsitzender Mario Mehren schilderte. Aus wirtschaftlicher Sicht bedeute das, dass man immer mehr Protektionismus und Nationalismus sehe, Handelskriege Handelsabkommen ersetzten und Sanktionen unser Leben verkomplizierten. Im wirtschaftlichen Zusammenhang sei das sehr schwierig. „Wir müssen als Unternehmen schauen, dass wir da durchkommen und ich hoffe, dass Europa eine starke Rolle spielen wird“, so Mehren. Für den Kontinent sei es eine Chance, Position zu beziehen und Gemeinsamkeiten zu betonen und gemeinschaftlich eine eigene Position zu vertreten. „Wenn wir das nicht schaffen, wird es schwierig für uns europäische Unternehmen“, so Mehren.

Brexit und Handelsbarrieren
Seit drei Generationen baut der Betrieb von Julia Esterer Aufbauten für Tankfahrzeuge und beliefert von Nordhessen aus Länder rund um den Erdball. „Die Probleme, die derzeit in der Welt sind, kommen auch bei uns in Helsa an“, ließ sie wissen. So müsse man zum Beispiel Brexit-bedingt Lieferketten komplett neu aufstellen: „Alle Teile, die aus England kommen, werden wir über andere Wege beziehen müssen“, erläuterte sie. Sollte es zu einem No-Deal-Brexit kommen, sei man darauf vorbereitet. Aber nicht nur das: „Jeder Tweet von Herrn Trump hat Auswirkungen auf uns“, so Esterer. Handelsbarrieren oder Tarifveränderungen hätten auch zur Folge, dass sich die Lieferzeiten von Stahlkomponenten verändern. Bei großen Stahlkomponenten schon mal um drei bis sechs Monate, das erfordere von dem mittelständischen Unternehmen eine enorme Flexibilität und eine Weitsicht, die einen an die Grenzen brächte.

Vom Dollar unabhängig werden
„Ich glaube, man muss so einer Situation die Balance finden aus Realismus, dass die Probleme nicht kleiner werden in dieser Zeit, und dem gleichzeitigen Glauben an die Fähigkeiten des Eigenen Unternehmens, der Mitarbeiter und der Unternehmenskultur“, erklärte Sigmar Gabriel. Eine der wenigen Möglichkeiten, europäischen Unternehmen zu helfen, sei die Gründung einer vom Dollar unabhängigen Finanzinstitution in Europa, die Unternehmen mitfinanziere, ohne dass eine Hausbank zwischengeschaltet werden muss. „Sobald das Hausbank-Prinzip gilt ist es wieder zu Ende, weil die mit Dollar refinanziert sind, am SWIFT-Abkommen hängen und vieles andere mehr.“

Mittelstand als Rückgrat
Als Region wolle man alles dafür tun, dass ein Konzern wie die Wintershall zwar in der Welt aktiv, aber in Kassel zuhause sei und bleibe, ließ Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle wissen. Gleichzeitig sei der Mittelstand, wie zum Beispiel die Firma Esterer, weiterhin das Rückgrat für die Wirtschaft in Nordhessen. „Ein starker Mittelstand macht uns ein Stück weit unabhängig, auch wenn es einem Großen mal nicht so gut geht“, so der OB.

Gefragtes Wissen aus Nordhessen
Dass das in Nordhessen gut besetzte Thema Energie eines der großen unserer Zeit ist, unterstrich Fraunhofer-Institutsleiter Prof. Dr. Clemens Hoffmann: „Praktisch jedes Land auf dieser Erde hat erkannt, was die Uhr geschlagen hat.“ Das Wissen aus Nordhessen sei dabei gefragt. Für Fraunhofer sei Kassel „ohne jede Einschränkung ein hervorragender Standort“. Man befinde sich logistisch günstig im Zentrum Deutschlands und habe mit SMA den Weltmarktführer für Photovoltaik-Wechselrichter als Premium-Partner vor Ort. Genauso auch andere große Unternehmen wie VW, die die Elektromotoren in Baunatal fertigen und hoffentlich auch Forschungsanteile hierherziehen könnten. Auch mit der Wintershall habe man Anknüpfungspunkte.

Stabile Wirtschaftsstruktur
Lob für die stabile Wirtschaftsstruktur in Nordhessen gab es von Ex-Uni-Präsident Prof. Dr. Rolf-Dieter Postlep. Mit den Branchen Mobilität, Energie und Wehrtechnik sei man gut aufgestellt. Letztere werde gerne verschwiegen, gehöre aber dazu.

Zukunftssicher aufgestellt
Positiv äußerten sich auf Jérôme-Anfrage auch die WFG-Gesellschafter Volksbank Kassel-Göttingen und Kasseler Sparkasse zur Entwicklung der Region. Optimistisch blickt Volksbank-Vorstandsvorsitzender Martin Schmitt in die Zukunft: „Die Wirtschaftsregion Kassel bietet sowohl Weltmarktführern als auch Hidden Champions und einem breiten Mittelstand attraktive Standortvorteile. Die Kooperation von Universität und Wirtschaft, die zentrale Lage und gute Verkehrsanbindung sowie das Entwicklungspotenzial der Region ermöglichen Unternehmen ideale Bedingungen. Auch bei den Softfacts liegt Nordhessen mit vorn – die hohe Lebensqualität in Stadt und Region sowie die vielfältigen Kultur- und Freizeitangebote unterstützen den Wettbewerb um Fachkräfte.“

Treue Unternehmen
Sparkassen-Vorstandsvorsitzender Ingo Buchholz unterstrich: „Heute agieren sowohl traditionelle als auch neue Branchen aus Stadt und Landkreis selbstbewusst auf nationalen und internationalen Märkten – darunter auch Weltmarktführer. Inzwischen zählt Nordhessen auf dem Gebiet der Innovationen zu den fortschrittlichsten. Eine bedeutende Rolle spielen in diesem Entwicklungsprozess vor allem die Kasseler Unternehmen, die diesem Standort treu bleiben und durch Investitionen weiter ausbauen. Ein maßgeblicher Motor ist auch die Universität, die anwendungsorientiert forscht und entsprechende Ausgründungen hervorbringt.“

Ansprechpartner und Schnittstelle
Der Wirtschaftsförderung messen beide dabei eine hohe Bedeutung bei: „Die WFG ist Botschafter für die Wirtschaftsregion Kassel. Sie ist Ansprechpartner an der zentralen Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Verwaltung und setzt Impulse für eine zukunftsweisende und wettbewerbsfähige Entwicklung der Region“, so Martin Schmitt. „Es ist es die besondere Mischung, die Kassel erfolgreich gemacht hat. Das befeuert nicht nur die Zukunfts- und Wachstumsbranchen, sondern macht Kassel zu einem echten Zukunftsstandort. Der unterstützende und koordinierende Einsatz der WFG ist auf diesem Weg unverzichtbar“, so Ingo Buchholz.

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