Kasseler Verlage auf der Frankfurther Buchmesse – Dabei sein ist alles

Frankfurther Buchmesse. Foto: Jan Hendrik Neumann

Frankfurther Buchmesse. Foto: Jan Hendrik Neumann

Über mir war Günter Wallraff zugange, und ich habe nichts davon mitbekommen!“ – Dieser, leicht frivol in den Raum geworfene Satz, der unwillkürlich Fragen von beträchtlicher Tragweite aufwirft, fällt in Halle 3.0, Literatur und Sachbuch, einem der Epizentren der Frankfurter Buchmesse. Hier tummeln sich die Großen der Verlagsbranche, präsentiert durch oftmals opulente Stände, die miteinander, deutlich sichtbar, im offenbar keinerlei Kosten scheuenden Schau- und Aufmerksamkeitswettbewerb stehen – das Buchgeschäft scheint ungebrochen zu florieren.

Dies ist zumindest der erste Eindruck des unbefangenen Beobachters, beim wonnigen Flanieren entlang der dicht an dicht mit jeweils höchst divergierend stimulierenden Auslagen bestückten Lesemeilen, die eine Gesamtfläche von schier unbezwingbaren 172000 Quadratmetern bedecken. Selbst bei zumindest theoretisch möglicher, wenngleich rein sensuell wohl eher weniger zu empfehlender Maximalausnutzung aller insgesamt fünf Buchmessetage müssen unter diesen physikalischen Gegebenheiten auch abgebrühte Leseenthusiasten kapitulieren. Und so mancher davon relativiert seine Niederlage im Ringen um potenzierten Erkenntnisgewinn wohl am ehesten mit dem unversehens die Realität berührenden Kalauer: „Wir lagen vor Bouillon – und hatten keinen Löffel …“

Tibet bedrohlich nahe
Doch die Überfülle der von 7314 Ausstellern aus aller Welt insgesamt angebotenen 401932 Publikationen, überlagert von weiteren 3000 Veranstaltungen, übersteigt eben jedes menschliche Maß. Ohne Beschränkung auf bereits im Vorfeld klar definierte und zeitlich exakt fixierte Ziele steht man daher in Windeseile auf verlorenem Posten – und verpasst womöglich sogar das Beste, auch wenn es einem ganz, ganz nahe kommt: „Mit Günter Grass ist mir das Gleiche passiert, sogar mit Stefan Aust, Du weißt doch, der vom SPIEGEL …“ wird jener zunächst verstörende Wallraff-Satz aus dem Zwiegespräch zweier Verlagsmitarbeiterinnen denn auch folgerichtig fortgeführt; ein existentialphilosophischer Exkurs über die ihnen entgangenen Autorenbesuche in Halle 3.1 – genau genommen direkt über ihrem eigenen Stand, in der rasanten Dynamik des Messebetriebes indes zugleich unglaublich fern.

Ebenfalls eigentlich fern, nun allerdings ganz bedrohlich nahe gerückt ist unterdessen den Mitarbeiterinnen der Kasseler Verlagsgemeinschaft Euregio, Merseburger, Pan und Furore das schöne Tibet, in Gestalt offensiver Volksaufklärung angesichts des aktuellen Buchmesse-Leitthemas „China“: »Wir waren dieses Mal sehr gestört durch die Tibet-Stände auf beiden Seiten unserer Präsentation«, sagt rückblickend Ursula Eichenberg vom Merseburger Verlag. »Der Stand rechts hatte zum Beispiel nur die kleinstmögliche Größe von 2×2 Metern, trotzdem waren die immer gleich mit acht Mann vor Ort und haben damit fast unseren gesamten Stand verdeckt – das war schon extrem lästig!«

So manchem potentiellen Interessenten entgeht daher unversehens die Darbietung der hoffnungsvollsten Neuerscheinungen aus Kassel: der ersten deutschsprachigen, vom englischen Spohrforscher Clive Brown erarbeiteten Louis Spohr-Biographie, in dessen 150. Todesjahr gerade von Merseburger herausgebracht, und das kolossale, schon mit Blick auf das Stadtjubiläum 2013 veröffentlichte, zweibändige und mehr als 800 Seiten umfassende Kassel Lexikon – stolze Frucht von nicht weniger als 300 Autoren, die mit rund 1100 Artikeln so ziemlich jeden Stein in Kassel auf seine publizistische Verwertbarkeit hin abgeklopft haben dürften. Mehr Übersicht war nie.

Präsenz zeigen ist wichtig
Über das ambitionierte Vorzeigen der neuen Produktpalette und die entsprechende Resonanz bei Buchhändlern wie auch tatsächlich lesenden Endverbrauchern hinaus lässt sich ein wirklich gelungener Buchmesse-Auftritt jedoch noch an ganz anderen Kriterien bemessen, wie Wolfgang Fuhr, Geschäftsführer des Kasseler AGON Sportverlags, aus seiner 25-jährigen Buchmesse-Praxis weiß: „Allein die Präsenz, die Anwesenheit ist wichtig, weil es sich dabei ja auch immer um eine Statusfrage handelt: Kann ich mir die Messe leisten, oder nicht? Denn damit dokumentiere ich: Wir sind noch dabei, wir sind noch am Markt!“ Und die Möglichkeiten für intensive Einblicke in diesen spezifischen Markt sind allem Anschein nach zu keinem Zeitpunkt vielversprechender als während der Frankfurter Buchmesse, der größten ihrer Art weltweit.

„Gerade beim Small Talk mit den Kollegen erhält man ein sehr präzises Spiegelbild der Stimmung in der Branche. Wenn man sich da etwa mit dem Vertriebsleiter eines großen Verlages trifft, wird ja auch immer aus dem Nähkästchen geplaudert: ‚Sag mal, wie sieht es denn bei Dir aus? Hast Du mit Buchhandelskette X auch die gleichen Schwierigkeiten?‘ Man erhält dort ganz interne Informationen, wie sonst das ganze Jahr über nicht.“ Was man hingegen nicht erhält, ist das Bett zum Buch, bezahlbar und vor Ort: „Die zentralen Hotels rund um die Buchmesse nehmen das Drei- bis Vierfache der normalen Sätze, da legt man dann 600 bis 700 Euro für ein Standardzimmer hin – das ist jenseits von Gut und Böse“, berichtet Fuhr. »Daher fahren wir jeden Tag von Kassel nach Frankfurt, hin und zurück. Denn mit dem ICE ist das doch ideal: Morgens um 7.15 Uhr los, und abends sind wir um 20.30 Uhr wieder zu Hause – da schläft man ohnehin besser. Das machen übrigens die meisten Kasseler hier so!«

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