Ready for Take off: Flughafen-Sprecher Jörg Ries im Interview

Flughafensprecher Jörg Ries im Gespräch mit Jérôme-Chefredakteur Björn Schönewald. Foto: Mario Zgoll

Flughafensprecher Jörg Ries im Gespräch mit Jérôme-Chefredakteur Björn Schönewald. Foto: Mario Zgoll

Bereits 1974 begann Jörg Ries seine Laufbahn als Angestellter der Fraport AG (damals Flughafen Frankfurt/Main AG). Seit 2001 ist der beredte 67-Jährige Sprecher der Geschäftsführung der Flughafen GmbH Kassel zusammen mit Ulrich Spengler und Rolf Hedderich. Auf fast vier Jahrzehnte nationale und internationale Erfahrung in Planung, Bau und Betrieb von Flughäfen blickt er, der seine Laufbahn als Offizier der Luftwaffe startete, inzwischen zurück. Unter anderem war er von 1976 bis 1983 für den Bau und Betrieb des Flughafens Scharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten verantwortlich, war von 1990 an als Abteilungsleiter unter anderem verantwortlich für die Koordinierung der Inbetriebnahme des Terminals 2 am Frankfurter Flughafen und arbeitete von 1996 bis 2000 als Vorstandsmitglied der privaten Betreibergesellschaft des neuen Flughafens Athen. Mit Jérôme sprach Ries über das Flughafenprojekt Kassel-Calden und die Chancen für die Region.

Jérôme: Nach verschiedenen Flughafen-Großprojekten im In- und Ausland verschlug es Sie 2001 nach Kassel-Calden. Wie kam es dazu?

Jörg Ries: Ich war noch nicht lange aus Athen zurück und arbeitete als Geschäftsführer einer gemeinsamen Tochter von Lufthansa und Fraport, als der damalige Ministerpräsident des Landes Hessen, Roland Koch, die Fraport AG darum bat, die Ausbausituation hier in Kassel zu begleiten. So entstand der Managementvertrag. In diesem Rahmen wurde ich dann aufgrund meiner Erfahrungen gebeten, das Projekt in Kassel zu übernehmen. Wir haben als Fraport AG unser gesamtes Know-how eingebracht, viele Mitarbeiter in die Planung eingebunden und bei den ganzen Genehmigungs-Verfahren, die in den letzten zehn Jahren abzuarbeiten waren, Unterstützung geleistet – und tun dies bis zur Eröffnung weiterhin.

Jérôme: Wie haben Sie Ihre bisherige Zeit in Kassel erlebt?

Ries: Die erste Zeit war geprägt von der Erkenntnis, dass es hier oben einen eigenen Menschenschlag gibt. Die damalige Situation in und um Kassel stand noch stark unter dem Einfluss  der ehemaligen Grenznähe und der dadurch sehr stark eingegrenzten Entwicklungsmöglichkeiten. Die selbstbewusste Entwicklung der Nordhessen und der hier angesiedelten Firmen, aber auch der Politik hat sehr zögerlich begonnen. Dies hat sich ganz sicher gewandelt. Die Menschen sind viel selbstbewusster geworden und die ganze Region entwickelt sich hin zu einer prosperierenden Region, der man durchaus das Testat „Kassel ist Klasse“ geben kann. Unser Ausbauprojekt wird ja von einer großen Mehrheit der Bevölkerung getragen, was sich in den deutlichen Entscheidungen in den politischen, regionalen Gremien der Anteilseigner niederschlägt.

Jérôme: Was waren die größten Klippen, die es hier bislang für Sie zu umschiffen galt?

Ries: Es ging darum, den politischen und den wirtschaftlichen Willen zu verknüpfen und in die Realität umzusetzen. Diese Umsetzung wird in Deutschland aber mit unglaublich langwierigen Genehmigungsverfahren und damit zusammenhängenden Planungsprozessen belastet, die aus meiner persönlichen Sicht ein großes Hindernis bei der Umsetzung von Infrastrukturprojekten darstellen. Dies muss in Zukunft politisch ganz sicher anders geregelt werden.

Jérôme: Sie meinen das Planfeststellungsverfahren?

Ries: Ja, auch. Bevor sie aber zum Planfeststellungsverfahren überhaupt kommen, müssen sie erst mal ein Raumordnungsverfahren durchlaufen. Es muss geprüft werden, ob das, was sie machen wollen, auch in die Gegebenheiten vor Ort hineinpasst. Wir haben zum Beispiel 47 Standorte in Nordhessen und verschiedene Ausbauvarianten untersuchen müssen. Und wenn die zuständige Behörde, in diesem Fall das Regierungspräsidium Kassel, seine landesplanerische Beurteilung des Antrages vorlegt, befasst sich dann die Regionalversammlung Nordhessen, ein politisch besetztes Gremium, mit den Untersuchungsergebnissen. Im Dezember 2003 hat sie zugestimmt. Erst wenn sie da durch sind, wissen sie, mit welcher Variante sie in die nächste Genehmigungsstufe gehen können. Eine zusätzliche Erschwernis im Raumordnungsverfahren war der Erlass der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH). Wir haben sehr viel Geld für zusätzliche Gutachten in die Hand nehmen müssen, die bewiesen, dass diese FFH-Richtlinie kein Hindernisfaktor ist. Das hat das Raumordnungsverfahren um ein gutes Jahr verzögert.

Jérôme: Aber das war es noch nicht?

Ries: Nein, natürlich nicht. Jetzt galt es, das nachfolgende Planfeststellungsverfahren zu durchlaufen. Dies ist mit einem gewaltigen Einsatz von Gutachtern der verschiedensten Gebiete verbunden, mit der Vorlage einer detaillierten Planung der zu genehmigenden Flughafenanlage sowie auch gutachterlichen Stellungnahmen zu den möglichen Verkehrsergebnissen hinsichtlich der Anzahl der Passagiere und Flugbewegungen. Mit dieser umfassenden Beschreibung wird den im Umfeld des neuen Flughafens liegenden Gemeinden und Bewohnern auch mitgeteilt, ob überhaupt, und wenn ja, in welchen Größenordnungen sie zum Beispiel dem Fluglärm oder anderen Beeinträchtigungen unterliegen. Dieses Verfahren gibt den räumlich betroffenen Beteiligten die Gelegenheit, sich ausführlich mit dem Vorhaben auseinanderzusetzen und Einwendungen beim Regierungspräsidium Kassel vorzutragen. Nur die, die sich daran beteiligen, haben dann hinterher auch eine Chance, Klagen gegen einen Planfeststellungsbeschluss einzureichen. Nach Erlass des Beschlusses im Juli 2007 haben davon über hundert Beteiligte Gebrauch gemacht. Dies hat zu umfangreichen Verwaltungsstreitverfahren vor dem zuständigen Verwaltungsgerichtshof für Hessen geführt. Erst im Frühjahr 2009 hat das Oberste Bundesgericht endgültig für den Ausbau grünes Licht gegeben. Danach war dann Europa wieder an der Reihe. Ein steuerfinanziertes Verkehrsausbau-Projekt muss bei der Europäischen Kommission angemeldet werden. Dieses Mal sogar über die Bundesregierung, was bedeutet, dass sie nicht nur die Europäische Kommission, sondern auch die Bundesregierung überzeugen müssen. Dies geschieht wieder in einem sehr bürokratischen Verfahren. Aber letztlich haben wir auch hier grünes Licht bekommen.

Jérôme: Was hat Ihnen während Ihrer bisherigen Zeit in Kassel emotional am meisten zu schaffen gemacht?

Ries: Das waren viele Äußerungen von insbesondere kritischen Begleitern und Ausbaugegnern während eines Veranstaltungsmarathons zur Vorstellung des Ausbauprojektes. Während des Raumordnungsverfahrens sind wir in 26 Ortschaften rund um Kassel gewesen. Abend für Abend: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag … mit Vertretern des Regierungspräsidiums. Da erinnere ich mich zum Beispiel an eine Szene in einem Saal der mit 400–500 Besuchern besetzt war, wo eine Ärztin mit ihren beiden Kindern an der Hand auftrat. Sie sprach mich an und sagte: „Ich will Ihnen nur sagen: Sie sind der Mörder meiner Kinder.“  In vielen anderen Versammlungen wurden mir als „Gesicht des Flughafens“ weitere Anschuldigungen und Vorwürfe und gelegentlich auch tätliche Angriffe entgegengebracht.  Diese persönlichen Angriffe sind eigentlich die schlimmsten Dinge gewesen. Größtenteils waren aber die Reaktionen der Anwesenden in den Versammlungen konstruktiv und fair.

Jérôme: Was war es schließlich für ein Gefühl, als es Anfang März zum Spatenstich kam?

Ries: Ein sehr befriedigendes. Wenn ein Projekt einen 13-jährigen Vorlauf braucht, um zum Spatenstich zu kommen, dann kann man sich vorstellen, wie man sich als Verantwortlicher zu diesem Zeitpunkt fühlt. Nach all den Mühen der Genehmigungsverfahren, aber insbesondere auch der Auseinandersetzungen in den Verwaltungsstreitverfahren kommt man jetzt zum eigentlichen Kern des Ganzen: dem Ausbau selbst. Der Spatenstich markiert diesen Beginn.

Jérôme: Nun gibt es ja in der Öffentlichkeit auch heftige Diskussionen über die Kosten des Projektes.

Ries: Ja, das ist richtig, dem Umfang des Projektes auch angemessen, Aber man muss auch sehen, dass jedes mit Steuergeldern finanzierte Infrastrukturprojekt mindestens zwei Seiten hat. Das Eine ist die Daseinsvorsorge, wie zum Beispiel bei Straßen- und Schienenprojekten. Sie brauchen eine Verkehrsinfrastruktur, in diesem Fall für den Luftverkehr, und für die auch einen Betreiber. Aber es gibt wahrscheinlich keinen Flughafen auf der Welt, der mit dem Starten und Landen von Flugzeugen Geld verdienen kann. Deswegen muss man sich auch die zweite Seite ansehen: Zum Beispiel die Ansiedlung von Firmen und damit das Schaffen von weiteren Arbeitsplätzen. Das ist die Kunst eines Flughafenmanagers in der modernen Zeit. Das ist in den Kontext zu setzen mit einer Wirtschaftlichkeit, die nicht direkt zusammenhängt mit den verkehrlichen Themen.

Jérôme: Wird sich Calden rechnen?

Ries: Ja, das tut es. Zwar ist es völlig richtig, dass die Betreibergesellschaft des Standortes Flughafen ein erhebliches Minus von zur Zeit zirka zwei Millionen Euro hat, aber man darf eine wirtschaftliche Beurteilung nicht nur auf diesen betriebswirtschaftlichen Aspekt verengen. Die bisherige erfolgreiche Standortentwicklung am Flughafen hat dazu geführt, dass sich bereits heute 19 Unternehmen mit etwa 600 Mitarbeitern angesiedelt haben. Dies war Gegenstand einer Untersuchung der Universität Trier, die heraus fand, dass diese Unternehmen beziehungsweise deren Mitarbeiter bereits heute etwa 30 Millionen Steuereinnahmen generieren.

Es ist eine ganz einfache Rechnung: Wenn doch dieser Standort Kassel-Calden, dieser kleine Verkehrslandeplatz, 30 Millionen abwirft – davon geht ein bisschen was nach Europa, ein bisschen was in die Bundesrepublik und was ans Land Hessen, aber auch in die Kommunen – und die Verluste der Betreibergesellschaft mit zwei Millionen zu Buche schlagen, dann bleiben immer noch 28 Millionen in den Kassen der öffentlichen Hand. Oder nicht? Diese Rechnung kann niemand bestreiten und sie ist genau das, was man unter Standortpolitik für Flughäfen, egal welcher Größenordnung, versteht. Das ist unter anderem auch ein Grund, warum die meisten regionalen Flughäfen nicht im privaten Besitz sind, weil diese an den Steuereinnahmen nicht partizipieren würden. Also die zwangsläufig entstehenden Verluste nicht über Steuereinnahmen ausgleichen können. Das wäre dann ein Subventionstatbestand. Die Europäische Kommission hat in ihrer Genehmigung für Kassel-Calden die Steuerfinanzierung des Ausbaus und des Betriebes ausdrücklich bestätigt.

Jérôme: Ist nicht ein Flughafen auch ein wichtiger Aspekt für die Standortentwicklung der gesamten Region?

Ries: Natürlich! Wenn Sie heute auf den Standortmessen unterwegs sind, hören Sie immer wieder die gleichen Fragen von ansiedlungswilligen Unternehmen: Gibt es eine ICE-Strecke? Gibt es eine Autobahnanbindung? Gibt es einen Flughafen? Das ist für Unternehmen und Mitarbeiter wichtig.  Für die bereits heute ansässigen Unternehmen, wie zum Beispiel die Firma Wintershall ist es ein absolutes Muss, einen Flughafen in unmittelbarer Nähe zu haben, damit sie ihre internationalen Geschäftsbeziehungen auch mit Hilfe des Luftverkehrs direkt vor Ort pflegen und ausbauen können. Und ich bin mir nicht sicher, ob die Firma Wintershall noch in Kassel wäre, wenn es nicht eine Möglichkeit gäbe, dass deren Manager hier in Jets einsteigen könnten, um nach Sibirien, Kasachstan, oder wo immer sie Geschäfte betreiben, direkt zu fliegen. Auch für diesen Geschäftsreiseflugverkehr ist die Vorhaltung einer modernen Flughafeninfrastruktur aufgrund der immer größer werdenden Geschäftsreiseflugzeuge und der sicheren Abwicklung des Flughafens ein entscheidendes Kriterium. Darüber hinaus ist ein ausgebauter Flughafen auch für Mitarbeiter und deren Familien ein riesengroßer Vorteil, die dann nicht mehr sonstwohin fahren müssen, um in den Urlaub zu fliegen.

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