Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Von Calden in die ganze Welt

4. September 2014 | Von | Kategorie: Wirtschaft 

Die Produkte der ZF Luftfahrttechnik GmbH sind international gefragt

Die Taumelscheibe für den CH 53 mit gut einem Meter Durchmesser, ein gereinigtes Gehäuse für das Vorgelegegetriebe des Sea King, knapp mehr als ein Schnapsglas große Ölpumpen für den Tiger oder eine zum Härten vorbereitete Zwischenwelle aus dem Hauptgetriebe des EC 135 – während Dr.-Ing. habil Konrad Joecks durch die Produktionsbereiche der ZF Luftfahrttechnik GmbH (ZFL) geht erklärt er begeistert jedes Bauteil. Auch jeden seiner rund 340 Mitarbeiter und Azubis scheint er zu kennen. „Ach, wie geht’s denn?“, „Sie sind seit gestern zurück?“, „Sie haben Kuchen ausgegeben?“. Ein Handschlag hier, ein freundliches Wort da. Trotz Termindruck. Er liebt den Job, die Abwechslung, die Technik. Kurzum: Er fühlt sich wie ein Fisch im Wasser.

Erste Schritte unter Wasser

Dr.-Ing. habil Konrad Joecks mit einem in Calden gefertigten Getriebeteil. Foto: Thorsten Eschtruth

Dr.-Ing. habil Konrad Joecks mit einem in Calden gefertigten Getriebeteil. Foto: Thorsten Eschtruth

Da kommt er übrigens her, vom Wasser. An der Ostseeküste aufgewachsen, lernte er zunächst den Beruf des Schiffsmaschinenbauers, studierte an der TU Rostock Verfahrenstechnik mit Spezialisierung auf Offshore- und Unterwassertechnik, forschte schließlich an Techniken zur Überprüfung und Verschrottung von Atomreaktoren, promovierte zweimal und habilitierte schließlich, um sein Wissen auch an Studenten weitergeben zu können. Aus der Hochschullehrer-Laufbahn wechselte er zu MTU, dem führenden deutschen Triebwerkshersteller. Zunächst Leiter der Verfahrensentwicklung wurde er später Produktionsleiter. „Triebwerke, kann man sagen, sind die schönsten technischen Gebilde“, schwärmt er und beginnt mit einer Abhandlung über Luftströmungen, Legierungen und Materialfestigkeiten.

Standort Calden ausbauen

1999, einem abendlichen Anruf folgend, wechselte Joecks zur ZF Luftfahrttechnik GmbH nach Calden. Als deren Geschäftsführer koordiniert er von hier aus das internationale Geschäft des eigenverantwortlichen Unternehmens innerhalb des ZF-Konzerns. Seine Mission: Der Ausbau des Standorts. „Die Lage ist günstig, wir haben jede Menge Platz und natürlich auch eine lange Tradition“, erklärt er die Entscheidung und verweist auf den Ursprung der ZFL, die 1933 in Kassel gegründete Henschel Flugzeugwerke AG.

Serienfertigung gestartet

Generalüberholte Gehäuse für Rotorgetriebe des CH 53 stehen für die Endmontage bereit. Foto: Thorsten Eschtruth

Generalüberholte Gehäuse für Rotorgetriebe des CH 53 stehen für die Endmontage bereit. Foto: Thorsten Eschtruth

Im Jahr 2000 begann man in Calden mit der Serienfertigung von Getrieben, Rotorsteuerungen und anderen Bauteilen für Hubschrauber-Hersteller rund um den Globus. Den bestehenden Bereich der Instandhaltung baute man weiter aus. Bis auf ein einziges (Auslauf-)Modell werden heute Getriebe und Rotorsteuerung sämtlicher Bundeswehrhubschrauber bei ZF in Calden gefertigt und generalüberholt. Der militärische Bereich macht dabei nur etwa die Hälfte des Auftragsvolumens aus. Mal mehr, mal weniger, je nach politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Entwicklung auf höchstem Niveau

Nach wie vor ist das CCA-Mitglied ZF Luftfahrttechnik aber vor allem ein Entwicklungsunternehmen. Bei Antriebs- und Steuerungskomponenten für Luftfahrzeuge setzt man weltweit Maßstäbe. Auf dem Gebiet der Hubschraubergetriebe arbeitet die ZFL an alternativen Werkstoffen, Hybridlagern, Lagern mit integrierter Sensorik, neuen Beschichtungen, alternativen Schmierstoffen und Hochlastverzahnungsgeometrie. Auch die Einzelblattsteuerung für Rotoren und die direkte elektrische taumelscheibenlose Rotorsteuerung gehören zu den Forschungsschwerpunkten des Unternehmens. Dabei kann die ZFL auf innovative Grundlagenentwicklungen des Forschungs- und Entwicklungszentrums der ZF Friedrichshafen AG sowie die Förderung im Luftfahrtforschungsprogramm (LuFo) der Bundesregierung zurückgreifen.

Im Messraum werden alle Teile nach Durchlaufen der Produktion mittels modernster optischer und taktiler Messungsmaschinen auf ihre Genauigkeit hin überprüft. Auf den Mikrometer genau müssen sie passen. Foto: Thorsten Eschtruth

Im Messraum werden alle Teile nach Durchlaufen der Produktion mittels modernster optischer und taktiler Messungsmaschinen auf ihre Genauigkeit hin überprüft. Auf den Mikrometer genau müssen sie passen. Foto: Thorsten Eschtruth

Die Betriebseinrichtungen der ZF Luftfahrttechnik GmbH sind beeindruckend und Dr. Joecks weiß zu jeder etwas zu sagen: Modernste Maschinen für zerspanende Bearbeitung, galvanische und chemische Oberflächenbehandlung, Rissprüfung und kontrollierte Oberflächenverfestigung, eine Lackiererei, eine Kabelbaumfertigung sowie ein leistungsfähiges Prüfstandzentrum hält das Caldener Unternehmen vor. Die bis zu 6.000 kW starken Prüfstände für Universalgetriebe und Rotoren entwickelt und baut ZF ebenfalls im eigenen Haus – und nicht nur für den Eigenbedarf. Hersteller und Betreiber von Luftfahrtgeräten rund um den Erdball vertrauen auf die Prüfstandtechnik aus Calden.

Weltweit vernetzt

Internationale Kunden gehen bei der ZF Luftfahrttechnik GmbH ein und aus. Und natürlich sind auch die Vertreter der ZFL viel unterwegs. „Wir haben momentan Gäste aus Ägypten im Haus“, erklärt Dr. Joecks. In den nächsten Tagen sind Reisen in die USA, nach Korea, Pakistan und in die Türkei geplant. Mit Letzteren führe man gerade Gespräche über eine engere Kooperation bei der Entwicklung neuer Luftfahrzeuge.

Künftig auch Triebwerksteile

Dr. Konrad Joecks im Gespräch mit Bernecker-Chefredakteur Björn Schönewald (li.). Foto: Thorsten Eschsstruth

Dr. Konrad Joecks im Gespräch mit Bernecker-Chefredakteur Björn Schönewald (li.). Foto: Thorsten Eschstruth

Obwohl schon lange im Management, hat sich Dr. Joecks sein Interesse an der Technik bewahrt. „Da kommt man nicht mehr raus“, sagt er. „Abends gehe ich öfter noch mal in die Entwicklung und die Produktion und schaue mir das eine oder andere an. Das schönste Department der Herstellung sei die Verzahnung. Auf den Mikrometer genau (0,001 mm) wird hier mit modernster Technik gearbeitet. Auch das Gehäusezentrum, das computergesteuert von einem Palettenbahnhof aus mit Rohlingen für Getriebegehäuse gefüttert wird und diese mit vollautomatischem Werkzeugwechsel in einem Arbeitsgang zum fertigen Bauteil formt, hat es ihm angetan. „Fünf-Achsen-CNC, Bohren und Fräsen“, erklärt Dr. Joecks. Künftig wolle man hier auch Triebwerksteile herstellen. Womit wir wieder bei den schönsten technischen Gebilden wären.

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