Was die KVG für den Klimaschutz tut

KVG-Vorstand Dr. Thorsten Ebert. Foto: Mario Zgoll

KVG-Vorstand Dr. Thorsten Ebert. Foto: Mario Zgoll

Jérôme: Das Thema Klimaschutz gewinnt zunehmend an Bedeutung, insbesondere wenn es um Fortbewegung geht. Ihre Flotte fährt seit Juni CO2-neutral. Wie geht das denn?

Dr. Thorsten Ebert: Wir haben im ersten Schritt schon CO2 vermieden, wenn wir die Menschen davon überzeugen können, unser hervorragendes Angebot zu nutzen. Die Klimabilanz des ÖPNV ist um ein Vielfaches besser als die der Autos. Alle Trams fahren mit Strom aus erneuerbarer Energie und damit klimaneutral, und die Schadstoffbilanz unserer Busse ist weit überdurchschnittlich gut. Dennoch emittieren natürlich auch unsere Busse noch CO2. Bei fast vier Millionen gefahrenen Kilometern sind das im Jahr rund 6500 Tonnen Kohlendioxid, die weiteren Fahrzeuge im KVV-Konzern lassen sich mit etwa 2500 Tonnen beziffern. Unsere Idee war es, die gesamte Flotte CO²-neutral zu stellen.

Jérôme:
Wie haben Sie das gemacht?

Dr. Ebert: Wir haben berechnet, was unsere Flotte emittiert und haben diesen Wert neutral gestellt, mit zwei Projekten, die bei der UN als sogenannte CDM-Projekte registriert sind. Das steht für Clean Development Mechanism und diese Projekte müssen Bedingungen erfüllen, die auch fortlaufend überprüft werden: Sie müssen nachweislich CO²einsparen und ohne die finanzielle Unterstützung könnten sie nicht zustande kommen. Außerdem müssen sie wirtschaftlich und sozial positiv wirken. Diese Projekte werden zum Beispiel durch den TÜV zertifiziert. Da werden Partner gesucht, die das unterstützen.

Jérôme:
Sie unterstützen also Projekte zur Vermeidung von CO2, die so viel einsparen, wie Ihre Flotte ausstößt?

Dr. Ebert: Ja, hier werden letztlich Angebot und Nachfrage zusammengebracht. Es gibt auf der einen Seite Anbieter, die sagen, sie können ein Projekt machen, mit dem CO2 eingespart wird, irgendwo auf der Welt, und auf der anderen Seite gibt es jemanden, der bereit ist, das zu finanzieren. Was die UNFCC-Organisation (United Nations Framework Convention on Climate Change) dabei macht, ist nichts anderes, als einen Marktplatz zu generieren, um die Partner zusammenzuführen. Da entstehen dann auch Preise. Der Anbieter sagt, ich muss einen kalkulierten Betrag investieren und spare dadurch eine bestimmte Menge CO2 ein – daraus ergibt sich ein Preis pro Tonne CO2.

Jérôme: Es liegt also in Ihrem Interesse, den CO2-Ausstoß Ihrer Flotte zu neutralisieren?

Dr. Ebert: Natürlich. Wir werden auch gefragt, warum reduziert ihr eigentlich nicht den Schadstoffausstoß hier in Kassel? Die Antwort ist denkbar einfach: Genau das tun wir kontinuierlich. Wir sind ein besonders umweltfreundliches Unternehmen und sorgen im ersten Schritt dafür, dass die Luft hier im Kasseler Becken besser wird. Im Vergleich zu anderen Verkehrsunternehmen haben wir eine überdurchschnittlich umweltfreundliche Fahrzeugflotte. Was wir mit den Zertifikaten machen, ist nur der letzte Schritt, um komplett CO2-neutral zu sein. Und da unterstützen wir konkret zwei Projekte, Brennstoffwechsel zu erneuerbarer Biomasse in Brasilien und Brennstoffwechsel von Kohle zu Erdgas in China.

Jérôme: Was gibt es für konkrete Maßnahmen hier vor Ort?

Dr. Ebert: 86 Prozent unserer Busse sind mit Rußpartikelfilter ausgestattet, das ist deutlich über dem Branchendurchschnitt. Ein weiterer Baustein ist die Ad-Blue-Technik, mit der unsere Dieselfahrzeuge fast genauso umweltfreundlich fahren, wie Erdgasbusse. Wir schulen auch unsere Fahrer, möglichst verbrauchsfreundlich zu fahren und setzen in mittlerweile 24 Bussen mit Topodyn, eine neuartige Getriebetechnik, ein, die automatisch die richtige, verbrauchsoptimierte Fahrweise einstellt.

Jérôme: Was spricht dagegen, die komplette Flotte auf Elektroantrieb umzustellen?

Dr. Ebert: Die Fahrzeuge, die man dazu benötigt, gibt es nicht. Wer schon mal in Florenz Urlaub gemacht hat, kennt die kleinen Elektrobusse, die durch die Innenstadt geistern. Was wir für eine komplette Umstellung benötigen, sind aber große Fahrzeuge, die eine Reichweite von mehreren hundert Kilometern am Tag haben. Da gibt es bislang nur wenige Prototypen. Wir haben versucht, mal einen zum Testen zu bekommen, aber das war nicht möglich. Wir haben auch ein Forschungsprojekt eingereicht, um einen geeigneten Bus etwa für den Betrieb im Bergpark zu entwickeln. Eine Förderzusage haben wir aber noch nicht. Die Idee ist, einen Elektrobus mit nordhessischen Partnern zu entwickeln, unter anderem mit der Firma Fräger aus Immenhausen. Gefördert wird stattdessen ein ähnliches Projekt in Südhessen. In ganz Hessen stehen also Fördermittel für einen einzigen Elektrobus zur Verfügung. Auch dieses Fahrzeug wird aber hinsichtlich der Reichweite nicht für eine normale Kasseler Buslinie geeignet sein und ein Vielfaches der Dieselbusse kos-ten. Das Thema interessiert uns sehr, aber bis zu einer möglichen Alltagstauglichkeit solcher Fahrzeuge werden noch viele Jahre vergehen.

Jérôme: Wie sehen Sie Ihre Aktivitäten für den Umwelt- und Klimaschutz im bundesweiten Vergleich?

Dr. Ebert: Die Städtischen Werke als KVG-Schwesterunternehmen waren deutschlandweit die ersten, die den kompletten CO2-Verbrauch der Gasversorgung einer Stadt klimaneutral gestellt haben. Dann habe ich gesagt, dass können wir für unsere Busflotte auch machen. Das haben wir im Juni 2010 realisiert und sind somit bundesweit die ersten, die den ÖPNV komplett CO2-neutral betreiben. Andere Kollegen aus Nahverkehrsunternehmen versuchen nachzuziehen, werden dazu aber noch ein bisschen Zeit brauchen. Selbstverständlich bieten wir dafür zusammen mit den Städtischen Werken gerne unsere Unterstützung an.

Jérôme: Wie hoch ist Ihr Fahrzeugbestand derzeit?

Dr. Ebert: Wir haben 79 Straßenbahnen, 75 Busse und 28 RegioTrams. Dazu kommen zum Beispiel noch Pkw, Werkstattfahrzeuge und Kleintransporter für unsere Monteure, unsere Zählerableser oder unsere Verkehrsmeister. Insgesamt sind das über 450 Fahrzeuge.

Jérôme: Was würde es an CO2-Ausstoß bedeuten, wenn nur die Hälfte Ihrer 42 Millionen jährlichen Fahrgäste mit dem Auto fahren würde?

Dr. Ebert: Geht man von einem durchschnittlichen CO2-Ausstoß von 150 Gramm pro Kilometer aus und nimmt einen durchschnittlichen Besetzungsgrad von 1,3 Personen pro Pkw an, ergeben sich über 12.000 t CO2 pro Jahr zusätzlich. Das ist etwa doppelt soviel, wie wir allein durch die genannten CDM-Projekte eingespart haben. Das macht deutlich: Die beste Klimabilanz hat, wer in unsere Trams und Busse einsteigt.

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