Zusätzliche Chancen für die Region

Viel Luftfahrt-Know-how kommt aus Nordhessen

Die Geschäftsreisen des CCA-Netzwerks bieten interessante Einblicke in renommierte Luftfahrt-Standorte, wie hier im CFK-Valley in Stade. Foto: Mario Zgoll

Die Geschäftsreisen des CCA-Netzwerks bieten interessante Einblicke in renommierte Luftfahrt-Standorte, wie hier im CFK-Valley in Stade. Foto: Mario Zgoll

Die Luftfahrt ist im Aufwind. Allen Wirtschaftskrisen zum Trotz sagen Experten der Branche ein beständiges Wachstum voraus. Immer sparsamer, komfortabler und größer bewegen sich die Flugzeuge in zunehmend engeren Flugnetzen. Wichtigste Komponente in der Luftfahrt ist und bleibt dabei die Sicherheit. Mit enormem Aufwand werden Flugzeuge unter anderem bei Lufthansa Technik in Frankfurt kontrolliert, gewartet und repariert. Neue Flugzeuge hingegen müssen ihre Sicherheit und Qualität zunächst in Langzeitbelastungstests unter Beweis stellen, wie sie bei Airbus etwa in Bremen oder in Toulouse durchgeführt werden. Was beide Beispiele eint: Technik aus Nordhessen kommt zum Einsatz.

Experte für anspruchsvolle Konstruktionen
Für rund 2.000 Flugzeuge ganz unterschiedlicher Airlines ist Lufthansa Technik in Frankfurt der Anlaufpunkt für Wartung und Reparaturen. Werden Klimakühler ausgetauscht oder Bremsen erneuert, setzt die Lufthansa auch auf das Know-how der Spezialisten von Hanf & Erdmann aus Hofgeismar. Für das Produktspektrum vom Prototypen bis zur Großserie bietet das 1995 gegründete Unternehmen innovative Metallbearbeitung, fertigt Baugruppen mit verschiedenen Werkstoffen und veredelt Oberflächen für unterschiedliche Industriezweige. Gefragt ist Hanf & Erdmann bei seinen Kunden, darunter Krauss-Maffei Wegmann, AKG Thermotechnik, die Deutsche Bahn, B. Braun Melsungen oder Hübner, als Experte für anspruchsvolle Konstruktionen. „Wo andere abwinken, wächst unser Ehrgeiz“, sagt Geschäftsführer Andreas Erdmann. Das spricht sich herum. Die Aufträge kommen längst nicht mehr nur aus Deutschland, sondern unter anderem auch aus Dänemark, Belgien, Spanien, der Ukraine, Lettland und der Slowakai.

„Entwickeln uns immer weiter“
Die beiden Geschäftsführer von Hanf & Erdmann: Frank Hanf und Andreas Erdmann (v.l.). Foto: Mario ZgollKlein und fein lautet die Devise des mittlerweile 45 Mitarbeiter zählenden Unternehmens. „Wir beschäftigen ausschließlich Fachkräfte und setzen auf Ausbildung“, sagt Andreas Erdmann. Leiharbeiter gebe es bei Hanf & Erdmann nicht. Erdmann und sein Kompagnon Frank Hanf wissen eine motivierte Mannschaft hinter sich und sehen die Zukunft positiv: „Wir entwickeln uns immer weiter.“ Viele Erkenntnisse habe man auch aus der inzwischen 15-jährigen Zusammenarbeit mit der Uni Kassel gewinnen können.

Vom Heli zum Flugzeug
Den ersten Auftrag aus der Luftfahrtbranche erhielt Hanf & Erdmann vom Helikopterstützpunkt im niedersächsischen Faßberg. „Hier bildete die Bundeswehr ihre Hubschrauberpiloten aus“, erklärt Andreas Erdmann. Für die Wartung der Maschinen sei damals ein schwer zu fertigendes Spezialwerkzeug benötigt worden. „Eine kompliziert aufgebaute Mechanik zur Voreinstellung des Zusammenspiels von Rotor und Stützflügel“, sagt der nordhessische Unternehmer. Hanf & Erdmann stellte sich der Herausforderung und wurde zum festen Lieferanten von Sonderbetriebsmitteln. „Als der Ausbildungs- und Wartungsbereich nach Frankfurt umzog, kamen wir mit Lufthansa Technik in Kontakt“, blickt Erdmann zurück.

Weltmarktführer ist Kunde
Produkte aus Hofgeismar: Nicht brennbare Pappe nach B1 und Sonderbetriebsmittel für die Luftfahrt werden bei Hanf & Erdmann hergestellt. Foto: Mario ZgollSeit einigen Jahren schon arbeitet Hanf & Erdmann mit dem Weltmarktführer für Flugzeugwartung und -reparatur zusammen. Neben der Herstellung von Kühlern für die Klimatechnik verschiedener Linienmaschinen liegt das Augenmerk auch hier auf Sonderbetriebsmitteln für die Wartung. „Wir beliefern Lufthansa Technik zum Beispiel mit Strahlabdeckungen zur Reinigung der Bremsanlagen“, erklärt Andreas Erdmann. Diese werden anstatt der Kolben in die Bremsanlage geschraubt, um beim Reinigen mit einem Glasperlenstrahl Schäden zu vermeiden. Was einfach klingt, setzt Spezialwissen voraus, denn das Material ist alles andere als gewöhnlich. Die Zusammensetzung will Erdmann nicht verraten.

Nicht brennbare Pappe
Ein weiterer Baustein der Zusammenarbeit mit der Luftfahrtbranche könnte eine extrem leichte, stabile und nicht brennbare Spezialpappe werden, die das Unternehmen für die Schießanlagen des Polizei-Einsatztrainingszentrums in Baunatal entwickelt hat. „Mit seinen Eigenschaften weist das Material optimale Voraussetzungen für eine Verwendung in der Luftfahrt auf“, erklärt Erdmann. Erste Gespräche mit interessierten Herstellern würden bereits geführt.

Gewaltige Prototypen
Auch die Albert Koch Maschinenbau GmbH aus Baunatal befasst sich mit der Konstruktion und Fertigung von Prototypen und Kleinserien. Diese weisen zum Teil gewaltige Abmessungen auf, insbesondere, wenn es sich um Teststände für Flugzeugtechnik handelt. „Wir entwickeln und fertigen Vorrichtungen für Belastungstests von Landeklappen und Triebwerken“, erklärt Inhaber Stefan Koch. Das Unternehmen schöpft dabei aus jahrzehntelanger Erfahrung im Bau von Vorrichtungen, Sonderanlagen und Lehren für die Produktion. „Mein Vater hat den Betrieb 1946 gegründet und Aufträge aus dem damals zerstörten Henschel Flugmotorenwerk übernommen. Seit 1947 arbeiten wir auch für Mercedes, überwiegend in der Entwicklung von Sonderteilen für die Lkw-Produktion“, sagt Koch. Einen großen Anteil haben längst auch Aufträge aus der Lebensmittel- und Medizinbranche.

Richtig gut in Nordhessen
Konrad Klein (links), Leiter QS und QM bei Koch, bespricht ein Werkstück mit einem Mitarbeiter. Foto: Mario ZgollZu den Kunden aus der Luftfahrt zählen namhafte Unternehmen wie Airbus, MTU, ZF und Rolls-Royce. „Etwa 30 Prozent unseres Umsatzes machen wir in diesem Wirtschaftszweig, dessen Zyk-len sich immer gegenläufig zur anderen Industrie entwickeln“, erklärt Stefan Koch. So habe er stets genug Beschäftigung für seine 60 Mitarbeiter (12 Azubis). Auf seine Leute ist Koch stolz: „Sie sind der größte Wert des Unternehmens.“ Überall in den Räumen der Albert Koch Maschinenbau GmbH zeugen großflächige Gemälde und Fotografien von Kochs Wertschätzung gegenüber Kunden, Produkten und Mitarbeitern: ein lebensgroßer Mercedes Actros, Triebwerke von MTU und Rolls-Royce, Führungskräfte im Airbus, die Belegschaft und nicht zuletzt Zukunftsvisionen, die aus seinem Kopf sprudeln. Er ist Unternehmer aus Leidenschaft und mahnt zur Selbstsicherheit in der Region: „Wir sind richtig gut in Nordhessen.“

Kunden begeistern
Ein Beweis dafür ist sein Unternehmen. Airbus in Bremen und in Toulouse setzt genauso auf die Teststände aus Baunatal wie ZF und MTU in München oder Rolls-Royce in Berlin. „Unser Ziel ist es, unsere Kunden zu begeistern.“ Das klappt mit Tatkraft, hoher Flexibilität und hundertprozentiger Qualität. „In der Luftfahrt gibt es null Fehlertoleranz. Wir legen deshalb großes Augenmerk auf QM und QS“, erklärt der Unternehmer. Auch Wissenstransfer mit den Kunden sei wichtig, weshalb er seine Mitarbeiter häufig zu Schulungen entsende, etwa zu ZF nach München.

Unternehmer aus Leidenschaft: Stefan Koch, Inhaber der Albert Koch Maschinenbau GmbH. Foto: Mario ZgollDie bislang imposantesten Vorrichtungen habe man für Airbus entwickelt und gebaut. „Drei Teststände im Format sechs mal sechs mal fünf Meter“, sagt Konrad Klein, Leiter QM und QS bei Koch. In ihnen werden Landeklappensysteme Dauerbelastungstests unterzogen: 30 Jahre lang, 24 Stunden am Tag ohne Unterbrechung. Kons-truktion, Technik und Programmierung bietet die A. Koch Maschinenbau GmbH aus einer Hand. „Was uns ausmacht, ist eine enorme Fertigungstiefe“, sagt Stefan Koch. „Von uns erhält der Kunde das fertige Produkt. Was wir nicht können, geben wir an Partner ab“, erklärt der Verfechter des Netzwerkgedankens. 2008 gründete er das Kompetenznetzwerk DieMaschinenbauPartner, luftfahrtspezifisch setzt er auf das in Kassel ansässige Competence Center Aerospace (CCA).

Vernetzung ist die Zukunft
In der Vernetzung und dem hohen Potenzial der Akteure sieht Koch die Zukunft für die Luftfahrtbranche in Nordhessen: „Serienproduktion wird in Deutschland auf lange Sicht keine Chance haben, die Perspektiven liegen in Prototypenfertigung und Entwicklung. Die Anbieter in unserer Region sind allesamt im Entwicklungsbereich aktiv und gut vernetzt.“ Das CCA habe viel dazu beigetragen. Unter seinem Dach sind inzwischen rund 50 luftfahrtaffine Unternehmen und Hochschulinstitute organisiert, die einen immer wichtigeren Wirtschafts- und Prestigefaktor der Region darstellen. Auch in den Möglichkeiten, die das mit dem CCA eng verbundene Netzwerk Hessen-China unter der Leitung von Wirtschaftsminiser a. D. Alfred Schmidt bietet, sieht Koch große Chancen. Die Köpfe beider Netzwerke, Alfred Schmidt, WfG-Chef Kai Lorenz Wittrock und CCA-Projektkoordinator Matthias Jahnke seien Vorreiter im heute so wichtigen Clusterdenken.

Hochwertige Kontakte
Auch Andreas Erdmann lobt die Arbeit des CCA. „Wir haben uns von Anfang an möglichst gut vernetzt, aber die Kontakte und Möglichkeiten, die sich über das Netzwerk ergeben, haben noch mal eine ganz andere Qualität“, sagt er.

Luftfahrt- und Airporttechnik
Und so soll es sein. Die im CCA organisierten Akteure verfügen über ein leistungsfähiges regionales Netzwerk, das sich zu einer maßgeschneiderten Plattform für werthaltige Kooperations-, Vermarktungs- und Innovationsaktivitäten entwickelt hat. „Die Themenschwerpunkte des CCA richten sich konsequent an den Kompetenzen und Interessen seiner Mitglieder aus“, beschreibt Projektkoordinator Dr. Matthias Jahnke einen der Erfolgsfaktoren. Im Fokus der operativen Netzwerkarbeit stünden deshalb die Bereiche Luftfahrttechnik (u. a. Kabinen- und Cockpitsysteme, Engineering, Hilfsmittel und Werkzeuge) und Airporttechnik (u. a. Tanksysteme, Air Traffic Management, Fluggastbeförderung und Sicherheitstechnik).

Durch Airport zusätzliche Dynamik
CCA-Projektkoordinator Dr. Matthias Jahnke. Foto: Mario ZgollAber auch andere Faktoren bestimmen den Erfolg des Netzwerks CCA. So setzt man auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit auf der Basis räumlicher und inhaltlicher Nähe. Und auf starke strategische und institutionelle Partner aus der Region. Darüber hinaus operieren zahlreiche Luftfahrt-Unternehmen bereits seit Jahren erfolgreich am Flughafen Kassel-Calden. „Der pünktlich eröffnete Airport wird für zusätzliche Dynamik in unserem Netzwerk sorgen“, ist Jahnke sicher.

Neue Chancen durch Hessen Aviation
Im Fokus der strategischen Arbeit des CCA-Netzwerks stand und steht die systematische Vernetzung mit einschlägigen Luftfahrtunternehmen auch außerhalb der Region – in Hessen, Deutschland und dem europäischen Ausland. Im Januar 2013 wurden die vielfältigen strategischen Bemühungen des CCA belohnt: Mit der maßgeblich auch vom CCA vorangetriebenen Einrichtung der hessischen Luftfahrtplattform „Hessen Aviation“ wurde ein weiterer Baustein für zusätzliche Chancen und Marktzugänge gelegt. Jahnke: „Von der Realisierung hessischer Gemeinschaftsstände auf einschlägigen Fachmessen bis zur Nutzung modernster Infrastruktur im neuen House of Logistics an Mobility (HOLM) am Frankfurter Flughafen profitieren die CCA-Mitglieder unmittelbar von einem nochmals erweiterten Dienstleistungsangebot des Netzwerks.“

„Ich halte es für absolut positiv, was das CCA auf die Beine stellt“, sagt Andreas Erdmann. „Die Koordinatoren legen einen guten Speed vor und ich hoffe, dass wir den beibehalten werden.“

Teilen, drucken, mailen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.