Eins, zwei, Cha-Cha-Cha

85 Jahre glanzvoller Tanzsport: Die Geschichte des Rot-Weiss-Klubs Kassel

Seit 2005 ist Helga Engelke, hier im Gespräch mit Jérôme-Redakteur Jan Hendrik Neumann, Erste Vorsitzende des Rot-Weiss-Klubs – eine leidenschaftliche Tänzerin seit frühester Jugend. In der Tanzschule lernte sie sogar ihren späteren Ehemann kennen. Foto: Mario Zgoll

Seit 2005 ist Helga Engelke, hier im Gespräch mit Jérôme-Redakteur Jan Hendrik Neumann, Erste Vorsitzende des Rot-Weiss-Klubs – eine leidenschaftliche Tänzerin seit frühester Jugend. In der Tanzschule lernte sie sogar ihren späteren Ehemann kennen. Foto: Mario Zgoll

Was machst du, mit dem Knie, lieber Hans, mit dem Knie, lieber Hans, beim Tanz?“ Diese prägnante Textzeile eines beliebten Schlagers von 1925 – inmitten der nach Weltkrieg und Inflation lebenshungrigen „wilden 20er Jahre“ – hatte ein Jahr später vermutlich auch jene Handvoll begeisterter Amateurtänzer noch im Ohr, die am 4. November 1926 den Rot-Weiss-Klub Kassel (RWK) gründeten. Schon vom ersten Tag an stand fest: Man wollte sobald wie möglich selbst Tanzturniere veranstalten, um sich mit den bes-ten Tänzern Deutschlands, Europas, am besten aus der ganzen Welt zu messen. Nur fünf Monate später war es soweit: Im großen Saal des „Stadtpark“, Kassels damals größtem kulturellen Veranstaltungszentrum, gelegen in etwa zwischen Fünffenster- und Wilhelmsstraße, traten am 2. April 1927 Paare aus Berlin, Dresden, Eisenach, Frankfurt, Hamburg, Leipzig, München und Kassel gegeneinander an, um – dargeboten durch ein 14-köpfiges Tanzorchester – zu den Klängen von Blues, Charleston, Foxtrott, Langsamem Walzer, Slowfox und Tango ihr tänzerisches Können unter Beweis zu stellen. Die Resonanz bei den Kasseler Besuchern war so groß, dass die Fachzeitschrift „Der Tanz“ dem Rot-Weiss-Klub bald darauf bescheinigte, er habe es vollbracht, in Kassel binnen kürzester Zeit „wirklich einen gesellschaftlichen Mittelpunkt zu schaffen“, und in der Lokalpresse war die Rede vom „glanzvollsten Ereignis des Jahres“.

Kassel als „Stadt des Tanzes“
So positiv bestärkt, richtete der Klub 1930 seine erste „Deutsche Meisterschaft“ aus, wie auch 1933 und 1934, darüber hinaus kämpfte man auf dem Tanzparkett bis 1938 um den „Großen Preis von Deutschland“ sowie Sieg und Platz bei der „Meisterschaft der deutschen Großstädte“. Nach dem Krieg 1947 neugegründet, wurde der Rot-Weiss-Klub unter Führung von Walter Uhlitzsch binnen kürzester Zeit erneut zum Ausrichter der „Deutschen Meisterschaft“, dessen Organisation und Durchführung er fast in Serie fortsetzte bis Mitte der 1960er Jahre; seit 1954 veranstaltet der Verein auch Internationale Amateur-Tanzturniere. Beflügelt vom Riesen-erfolg der RWK-Veranstaltungen, regte Kassels damaliger Oberbürgermeister Willi Seidel bereits 1951 an, als es gerade 8.000 Anfragen gegeben hatte für die nur 1.800 Plätze bietende Kasseler Stadthalle, den neuen Austragungsort der Turniere: „Lasst Kassel zur Stadt des Tanzes werden!“ Eine weitere Popularitätssteigerung erfuhren die Tanzturniere des Rot-Weiss-Klubs durch den von 1982 bis 2008 veranstalteten „Orchideenball“, der den tanzbegeisterten Zuschauern der Wettkämpfe nach deren Entscheidung die Möglichkeit bot, selbst die Tanzfläche zu nutzen. Auf dieser glänzten 1996 schließlich die Teilnehmer des 37. Internationalen Latein-Tanzturniers, der Weltmeisterschaft in den Tänzen Samba, Cha-Cha-Cha, Rumba, Paso Doble und Jive – ein epochales Ereignis nicht nur für den Rot-Weiss-Klub.

Aktiv von vier bis 92
Was dessen Akteure antreibt, bringt Helga Engelke, seit 2005 Erste Vorsitzende des Vereins, kurz auf den Nenner: „Tanzen ist Sport und Kunst!“ Insbesondere sei es ein Ganzkörpersport, „der vom Kopf bis in die Füße geht“, und das auch noch altersunabhängig: „Unser ältestes Mitglied ist 92 und die Jüngsten fangen bereits mit vier, fünf Jahren an.“ Außer gewissen Grund-investitionen für die professionelle Darbietung – „Ein Turnierkleid, auf Maß gefertigt, kostet um die 1.500 bis 2.000 Euro“ – müssen Tanzfreudige, die sich in Turnieren messen wollen, auch viel Zeit aufbringen, um auf ein entsprechendes Tanzniveau zu kommen: „Wer wirklich etwas erreichen will, sollte schon vier- bis fünfmal in der Woche trainieren“, so Helga Engelke.

Die Rahmenbedingungen für ambitionierte Tänzerinnen und Tänzer sind dabei hervorragend: Seit 1980 betreibt der RWK sein eigenes „Tanzzentrum Auepark“ – allein der Trainingssaal hat 300 qm – und 1998 ist mit dem „TanzTreff Wesertor“ ein weiteres Tanzzentrum dazugekommen. Dass Kassel immer noch die „Stadt des Tanzes“ ist, belegen auch die prominenten Trainer des derzeit 325 Mitglieder zählenden Vereins: 2002 konnten die fünffachen Deutschen Meister in den Standardtänzen Pia David und Stefan Ossenkop als Profi-Anleiter gewonnen werden, 2003 die dreifache Weltmeisterin der Lateiner Oksana Nikiforova und 2005 – für das Training der Standard-Tänze Langsamer Walzer, Wiener Walzer, Tango, Slowfox und Quickstep – die mehrfachen Deutschen Meister Professional Standard Marcus Weiß und Isabel Edvardsson – letztere auch durch vielfältige weitere Medienauftritte bekannt, darunter die TV-Tanzsendung „Let’s dance“.

Weitere Informationen zum Rot-Weiss-Klub
unter www.rwk-kassel.de

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