Vom Volkstanz zum Open-Air-Konzert

Der Hessentag wandelte sich seit 1961 und behielt  doch viele Elemente bei
Erst drei. Dann fünf. Dann neun, für 16 Jahre. Nun sind es zehn. Zehn Tage lang wird in den unterschiedlichsten Städten und Gemeinden unseres Bundeslandes der Hessentag gefeiert. Es ist beileibe nicht selbstverständlich, dass von der Idee des einstigen hessischen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn trotz aller Zeitläufe noch eine Menge übrig geblieben ist.

'Jubeln und gute Laune prägen das Bild eines Hessentags, wie dieses Foto vom Hessentag 2013 in Kassel belegt. Foto: Archiv

‚Jubeln und gute Laune prägen das Bild eines Hessentags, wie dieses Foto vom Hessentag 2013 in Kassel belegt. Foto: Archiv

Damals, im Jahr 1961, steckte vielen Menschen der gerade einmal 16 Jahre zurückliegende Zweite Weltkrieg noch in den Knochen. Auch seine Folgen waren immer noch spürbar: Es gab Zuwanderer, Heimatvertriebene und Flüchtlinge zuhauf, und all jenen Menschen wollte Zinn ein identitätsstiftendes Fest spendieren, dass ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl generieren sollte. Hinzu kam, dass auch das Land Hessen ein Kind dieses Weltkriegs war, denn Hessen in seiner jetzigen Form war erst 1945 durch die Siegermächte mehr oder weniger willkürlich festgelegt worden. Also sollten sich alle alten und auch die neu gegründeten Vereine und Verbände dort präsentieren dürfen, ihre Trachten herzeigen und sich selbst und ihr nach wie vor gelebtes Brauchtum ein bisschen feiern dürfen. Das Motto hierzu stammt von Zinn selbst. „Hesse ist, wer Hesse sein will.“

Das Engagement ist riesig
53 Jahre sind seitdem vergangen. Vieles von jenem Brauchtum, das einst noch wirklich gelebt wurde, ist längst zu Kulisse und folkloristischer Fassade verkommen, aber heute wie damals präsentieren sich neben einer neuen Wirtschafts- und Lebenskultur viele Vereine und Verbände, die ihre Gemeinde, ihre Stadt und ihre Region in Zeiten zunehmender Globalisierung zu etwas Besonderem machen, oft sogar einzigartig sind. 1961 traten noch nicht die großen Musikstars auf, Open-Air-Konzerte heutigen Zuschnitts gab es noch nicht. Stattdessen prächtige Festzüge. Der erste Hessentagsfestzug, bis heute Abschluss des Festes, sah in Alsfeld mehr als 9.000 Teilnehmer und Festwagen.

Foto: Archiv

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Es geht natürlich auch ums Geld
Billig ist so ein Hessentag nicht. Ausrichter ist die jeweilige Stadt oder Gemeinde, und diese zahlt den Hessentag auch. Das kann schon mal bis zu einer Summe von fünf oder sechs Millionen gehen. Allerdings vergibt das Land im Gegenzug auch Zuschüsse an die jeweilige Kommune. Im Fall der Stadt Bensheim, die den Hessentag 2014 ausrichten sollte, bekam die Stadt bei sechs Millionen an Kosten rund 14 Millionen Euro an Zuschüssen. Doch nicht jede Kommune will sich in Zeiten klammer Kämmerer und Schutzschirm-Lebenserhaltung so etwas leisten. Die Stadt Alsfeld gab im Jahr 2010 die Ausrichtung des 50. Hessentages zurück, und auch Vellmar sah sich 2013 nicht in der Lage, das Fest zu stemmen. Für die Nachbargemeinde sprang schließlich Kassel in die Bresche.

Die heimliche Landeshauptstadt
Die Besucherzahlen stimmen laut Angaben der hessischen Staatskanzlei immer noch. Baunatal sprengte im Jahr 1999 die Millionen-Grenze, Kassel kam nahe dran an die Zwei-Millionen-Grenze. Aber nicht nur die Besucher sind auf den Hessentagen zu Gast. Während der zehn Tage entwickelt sich jede gastgebende Kommune zur heimlichen Hauptstadt, denn nicht nur, dass der jeweilige Ministerpräsident nahezu täglich dort zu Gast ist; öffentliche Kabinettssitzungen der Landesregierung und Bürgersprechtage der Regierung sind zur Regel geworden.

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