Haus im Glück? Brüder Grimm-Museum wiedereröffnet

Der Thronsessel samt Froschkönig, nunmehr in neuer Inszenierung. Foto: Mario Zgoll

Der Thronsessel samt Froschkönig, nunmehr in neuer Inszenierung. Foto: Mario Zgoll

Im Frühjahr 2009 fiel im Kasseler Rathaus eine längst überfällige Entscheidung: Das knapp 300 Jahre alte, an der Schönen Aussicht gelegene Palais Bellevue, seit 1972 Sitz des Brüder Grimm-Museums und als solches seither eher freundlich geduldet, denn in seinen touris-tischen Chancen als Zentrum für die Weltmarke Brüder Grimm erkannt, sollte endlich umfassend saniert werden. Diese plötzliche Investitionsfreude – immerhin 1,9 Millionen Euro – galt jedoch weniger dem Bellevue als finanziell wie personell bislang immer äußerst knapp gehaltenen Grimm-Museum, sondern vor allem seiner für die nähere Zukunft bereits geplanten Umnutzung als Veranstaltungs- und Gästehaus der Stadt. Wie die aktuelle Planung vorsieht, soll sich das Brüder Grimm-Museum stattdessen bis 2014 auf dem Weinberg als „Grimm-Welt“ neu erfunden haben. Die verbliebene Gnadenfrist im angestammten Haus ist somit wohl insbesondere dem 200. Jubiläum der Veröffentlichung der Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen im Dezember 2012 geschuldet, das man – obgleich mittlerweile als „Grimm-Hauptstadt“ firmierend – sonst unter den Augen der Weltöffentlichkeit in den diversen Provisorien hätte begehen müssen, mit denen sich das Grimm-Museum seit Beginn der Bauarbeiten im Sommer 2009 als Standort begnügen musste.

Vorlagen vom Maler-Bruder
Trotz der voraussichtlich überschaubaren Verweildauer in diesen Räumlichkeiten steckten Museumsleiter Dr. Bernhard Lauer und sein Team daher viel Energie in die Re- und Neuorganisation des Museums, das sich nun mit einer umfassenden Neukonzeption präsentiert, für deren optische Umsetzung insbesondere der Architekt und Grafiker Niklas Rahmlow verantwortlich zeichnet. Während des Festaktes zur lange erwarteten Wiedereröffnung skizzierte Dr. Lauer die Überlegungen, aufgrund derer das Haus in seinem Erscheinungsbild neu gestaltet wurde. „Das Leben und Wirken von Jacob und Wilhelm Grimm ist in vielfacher Weise geprägt vom Schreiben“, so Lauer. „Die vornehmste Aufgabe eines Literaturmuseums muss nun darin bestehen, dieses Schreiben, dieses Geschriebene, in modernem Sinne umzusetzen, zu gestalten und zur Anschauung zu bringen.“ Im Falle der beiden Grimms habe man diese schwierige Aufgabe insbesondere deshalb erfolgreich bewältigen können, „weil wir einen dritten Bruder haben, Ludwig Emil Grimm, der das Leben und Wirken von Jacob und Wilhelm Grimm in wunderbarer Weise anschaulich gemacht hat, durch viele Porträts, Zeichnungen und Karikaturen“.

Authentische Ausstattung
Die neugestaltete, in neun jeweils farblich gekennzeichnete Abschnitte gegliederte Ausstellung sei „der Versuch, die Zeit einzufangen“, wie Lauer ausführte, vermittels der Einbettung der wissenschaftlichen Leistungen und politischen Aktivitäten der Grimms in räumliche Installationen, zu denen auch historische Tapeten gehören. „So ist etwa in Raum 4 eine Tapete zu sehen, die 1935 bei Denkmalarbeiten im Haus der Grimms in der Marktgasse gefunden und später nachgedruckt wurde.“ In Ergänzung des bereits vorhandenen Grimm-Nachlasses habe man zudem in den letzten zwei Jahren aus der Familie von Ludwig Emil Grimm Möbelstücke, Glas, Porzellangegenstände sowie viele Zeichnungen erwerben können, „so dass es uns nun möglich ist, eine ganze Reihe neuer und authentischer Stücke aus dem Leben und Wirken der Brüder Grimm und ihres Bruders auszustellen“. In Raum 3, im Rahmen einer besonderen Präsentation, seien die größten Schätze des Brüder Grimm-Museums zu sehen: die 2005 von der UNESCO als Welterbe anerkannten Kasseler Handexemplare der Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen. Bei deren weltweiter Gesamtauflage könne man inzwischen von rund einer Milliarde Exemplaren ausgehen, erläuterte der Museumsleiter. „Da können vermutlich nur noch die Bibel und der Koran mithalten.“

Eine Lanze für Lauer
Dr. Werner Neusel, Präsident der Brüder Grimm-Gesellschaft, brach bei seiner Ansprache schließlich noch – von allen Gästen stark registriert – demonstrativ eine Lanze für Dr. Bernhard Lauer. In einem lokalen Medium seien über dessen Person erst kürzlich erneut Behauptungen aufgestellt worden, „die auch durch ständige Wiederholungen ihren Wahrheitsgehalt nicht erhöhen“. Er kenne Bernhard Lauer seit nunmehr fast 30 Jahren und habe ihn in dieser Zeit stets als äußerst qualifizierten Grimm-Experten kennen- und schätzen gelernt, „der mit großem Engagement und viel Erfolg den Namen Kassels in die weite Welt getragen hat und international hohes wissenschaftliches Ansehen genießt“. Der so Gelobte blieb indes bescheiden und kam lieber auf das frisch renovierte Haus zurück: „Damit können wir unserem Anspruch, Hauptstadt der Brüder Grimm zu sein, endlich wieder Rechnung tragen!“

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