Hier ist ein Mensch

Kasseler Bürgerpreis: Das Glas der Vernunft für Ärzte ohne Grenzen
Nach Johan Jørgen Holst und Terje Rød-Larsen (1994), Beate Langmaack, Heike Richter-Karst und Kai Wessel (2001), Hans-Georg Raschbichler und Dieter Spethmann (2003) und der Union der Komitees der Soldatenmütter Russlands (2007) hat mit der 1971 von zwölf Ärzten und Journalisten gegründeten Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen statt einer verdienten Einzelperson erneut eine ganze Gruppe den mit den Idealen der Aufklärung verbundenen, von engagierten Kasseler Bürgern 1990 unter dem Eindruck des Falls der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung ins Leben gerufenen Kasseler Bürgerpreis Das Glas der Vernunft erhalten.

Volker Westerbarkey (Mitte), Präsident der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, nimmt die Auszeichnung aus den Händen von Bernd Leifeld (links) und Dieter Mehlich vom Vorstand des Bürgerpreises entgegen. Foto: Mario Zgoll

Volker Westerbarkey (Mitte), Präsident der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, nimmt die Auszeichnung aus den Händen von Bernd Leifeld (links) und Dieter Mehlich vom Vorstand des Bürgerpreises entgegen. Foto: Mario Zgoll

In der von Bernd Leifeld und Dieter Mehlich vom Vorstand des Bürgerpreises überreichten Verleihungsurkunde heißt es dazu: „Die Deutsche Sektion von Médecins Sans Frontières, Ärzte ohne Grenzen, erbringt weltweit medizinische Hilfe für Menschen in Not in außerordentlicher Weise durch den freiwilligen Einsatz ihrer Mitglieder. Ärzte ohne Grenzen verdient gerade für den gefahrvollen Einsatz für Menschenrechte öffentliche Anerkennung und Unterstützung.

Das Richtige tun
In ihrer die Preisträger würdigenden Rede verwies die österreichische Journalistin Dr. Antonia Rados, die als Reporterin oft direkt vor Ort war, darauf, dass in den deutschen Medien – entgegen dem ersten Eindruck und angesichts des tatsächlichen täglichen Leidens dort – eigentlich viel zu wenig über die Kriege und bewaffneten Konflikte in Syrien, Afghanistan und dem Jemen berichtet werde, etwa über die Angriffe in jedem dieser Länder auf Krankenhäuser von Ärzte ohne Grenzen. Diese Angriffe seien schon längst aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Sie habe sich nicht nur daher schon oft gefragt, was eigentlich all die Menschen antreibe, sich trotz zahlloser unkalkulierbarer Risiken und Widrigkeiten dort dennoch für die Hilfsorganisation zu engagieren und auch im Ernstfall vor Ort zu bleiben, und das ganz selbstverständlich – „of course!“ –, wie ihr auf Nachfrage hin oft entgegnet wurde. Bei dem amerikanischen Philosophen Michael Walzer sei sie dazu fündig geworden, in dessen Buch Gerechte und ungerechte Kriege (2006), in dem dieser darlege, „dass es in der Geschichte, selbst in den düstersten Zeiten, immer Menschen gab, die das Richtige machten. So, laut Walzer, französische Ritter im Mittelalter, Chevaliers, die sich weigerten, Zivilisten zu töten – kleine Gruppen von diesen Rittern. Er erzählt auch von Soldaten, die Schießbefehle nicht ausführten, Menschen, die retteten und halfen – eben das Richtige taten.“

Reservoir der Anständigen
Das klinge ganz einfach, sei es aber nicht. „Denn wenn einmal die Gewalt ausbricht, dann sind ohnehin alle Regeln wie vom Boden verschluckt, daraufhin morden Menschen allein deshalb, weil sie morden können.“ Richtig zu handeln, sei unabhängig von der Ausbildung, von der Nationalität, von der Epoche, es gebe nicht einmal einen „kulturellen Planeten der Anständigkeit“: „Wir, im hochentwickelten Europa, sind eigentlich nicht anständiger als die Leute im Nahen Osten, wie die Flüchtlinge, die zu uns kommen.“

Anständig sei der, der einfach in jedem Menschen einen anderen Menschen sehe. „Was Ärzte ohne Grenzen betrifft, so habe ich den Verdacht: Die haben das Reservoir an anständigen Menschen systematisch geplündert. Sonst würde die Organisation ja nicht bestehen können. Sie kann nur so präsent sein in so vielen Konflikten, weil Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen diese Ideen mittragen.“ Rados zum Engagement von Ärzte ohne Grenzen für den Flüchtling als solchen: „Der will, dass man ihm Dinge abnimmt, für die er einfach zu erschöpft ist. Er kann sie nicht mehr leisten, selbst wenn er wollte. Er braucht Struktur in Form eines Daches oder Zeltes, oder Schuhe für seine Kinder, und dann auch die Versorgung für seine kranke Großmutter.“

Seinen Namen kennst Du nicht
Anzumerken bliebe noch, dass das musikalische Rahmenprogramm, das dieses Mal von dem syrischen Pianisten Aeham Ahmad gestaltet wurde, eine bedeutsame Weiterung inhaltlicher Art hätte erfahren können – mithin: ein solidarisches Bekenntnis zum Engagement von Ärzte ohne Grenzen im Mittelmeer, wo die Organisation derzeit mit eigenen Schiffen Flüchtlinge und Emigranten direkt aus Schlepper-Booten übernimmt – durch die von allen Anwesenden getragene Intonation eines verdienstvollen Liedes des unvergessenen, ebenfalls aus Österreich stammenden Sängers, Schauspielers und Entertainers Peter Alexander. Mutig den Strömen seiner Zeit folgend, hatte dieser bereits auf seiner 1970 erschienenen Single »Hier ist ein Mensch« vieles von dem vorweggenommen, was uns auch in diesen Tagen bewegt, zumindest die Anständigen unter uns: „Kennst Du seinen Namen? / Seinen Namen kennst Du nicht. / Sieh zu ihm hinüber, / dann kennst Du sein Gesicht. / Hier ist ein Mensch, / schick ihn nicht fort, / gib ihm die Hand, / schenk ihm ein Wort“, und: „Hier ist ein Mensch, / der ist allein, / Du bist es nicht, / ruf ihn herein“, wie auch: „Hier ist ein Mensch, / der wird nicht geh’n / wenn Du versuchst, / ihn zu versteh’n. / Hier ist ein Mensch, / der will zu Dir, / Du hast ein Haus – / öffne die Tür! / Öffne die Tür, / öffne die Tür! / Hier ist ein Mensch, / der will zu Dir!“

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