Perfekte Anpassung

Naturkundemuseum: »Leben im Dunkeln«

Wie gehen Lebewesen damit um, wenn ihnen nur wenig oder gar kein Licht zur Verfügung steht, eine optische Orientierung mithin kaum möglich ist? Wie funktioniert die Anpassung an die Dunkelheit, welche Sinne werden mitunter umso stärker aktiviert? Und welche Tiere können sogar nahezu perfekt in Verhältnissen ohne jegliches Sonnenlicht leben? Eine interaktiv angelegte Sonderausstellung widmet sich den besonderen Lebensbedingungen bei Nacht, in Höhle und Boden, in der Tiefsee und bei Blindheit (bis 5. Mai).

Geschaffen für die Finsternis: Dr. Kai Füldner, Direktor des Naturkundemuseums im Ottoneum, mit dem lebensechten Modell eines Tiefsee-Kalmars. Foto: Jan Hendrik Neumann

Geschaffen für die Finsternis: Dr. Kai Füldner, Direktor des Naturkundemuseums im Ottoneum, mit dem lebensechten Modell eines Tiefsee-Kalmars. Foto: Jan Hendrik Neumann

Es gibt Tiere, die nutzen die Nacht als Nische, weil sie da Feindvermeidung haben oder andere Sinne, die es ihnen erlauben, völlig ohne Licht oder nur mit Restlicht zu agieren“, sagt Dr. Kai Füldner, Direktor des Kasseler Naturkundemuseums im Ottoneum. „Viele Säugetiere verfügen auch über einen guten Gehör- und Geruchssinn, die brauchen nicht unbedingt zu sehen, wenn sie unterwegs sind.“

Schutz der Dunkelheit
In Höhlen ist es ebenfalls oft sehr dunkel, wobei jedoch nur wenige Tiere dort dauerhaft leben, wie etwa der blinde Grottenolm. Eher werden diese Refugien temporär genutzt, um hier tagsüber im Schutz der Dunkelheit zu schlafen, wie es die Fledermäuse und Flughunde Südostasiens praktizieren, bevor sie bei Nacht dann wieder unter freiem Himmel aktiv werden. Auch im Boden, in unterirdischen Bauten, zumeist dicht unter der Erdoberfläche gelegen, finden viele Tiere Schutz vor Feinden und vor extremen Wetterbedingungen. Hier wird gewohnt und geschlafen, es werden Nahrungslager angelegt, und es gibt sogar Säugetiere, die ausschließlich im Boden leben, wie etwa der unbehaarte Nacktmull. Und mit einem sich in der Regel über 2.000 Quadratmeter erstreckenden Gangsystem bejagt der Maulwurf dort ein höchst arbeitsintensiv angelegtes Revier.

Ungeahnte Dichte
Die Tiefsee, die ab 200 Metern unter dem Meeresspiegel beginnt und bis in eine Tiefe von elf Kilometern hinabreichen kann, ist noch wenig erforscht, und dennoch befindet sich in dieser absoluten Finsternis, bei niedrigen Temperaturen und unter enorm hohen Druckverhältnissen, der mit Abstand größte Lebensraum der Erde. Um Partner oder Beute anzulocken, sich miteinander zu verständigen, Feinde abzuschrecken oder sich zu tarnen, kompensieren rund 75 Prozent aller dort bislang bekannten Arten das fehlende Sonnenlicht durch die Produktion von körpereigener, chemisch erzeugter Leuchtkraft. Misst man dafür in winzigen Dimensionen, finden sich indes schon in einem völlig lichtlosen Kubikmeter Boden Hundertausende von Lebewesen, „und das in einer Artendiversität, vor allem aber auch einer Biomasse, wie sie sonst nirgendwo in dieser Dichte vorkommt“, so Kai Füldner. „Da gibt es ganze Ökosysteme, die allein im Boden ablaufen.“

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