Vom Konkreten zum Allgemeinen

Intendant Thomas Bockelmann. Foto: Klaus Staeck, Staatstheater Kassel

Intendant Thomas Bockelmann. Foto: Klaus Staeck, Staatstheater Kassel

Liebe Leserinnen und Leser von Jérôme,

es ist mir eine Ehrfreude, heute das Wort an Sie richten zu können.

Die Komplexität unserer Welt ist wohl nur durch Gewohnheiten, vor allem Denkgewohnheiten, zu bewältigen. Große Teile unseres Alltags fahren wir gewissermaßen auf Automatik. Vieles sortieren wir in Schubladen, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Das ist auch gut so. Allerdings sollten wir darauf achten, dass wir die wesentlichen Dinge des Lebens nicht mit dieser „Standardeinstellung“ durchlaufen. Politische Fragen zum Beispiel, die die Zukunft unserer Welt und die Lebensbedingungen der jüngeren Menschen unter uns betreffen. Wichtige persönliche Weichenstellungen zum Beispiel. Schwierige moralische Entscheidungen.

Mit unserem Spielplan am Staatstheater Kassel möchten wir Sie einladen, mit uns gemeinsam ehrlich über große Fragen nachzudenken: Wie sieht es aus mit der Gleichheit? Mit der Freiheit? Was bedeuten diese einstmals utopischen Worte für uns und unsere Zukunft? Mit unserem Spielplan möchten wir anregen, dieses Nachdenken von Kassel aus zu starten, vom konkreten Einzelnen bis zum abstrakten Allgemeinen. Wir werden im Schauspiel drei Kassel-Stoffe auf die Bühne bringen: mit MEIN VERWUNDETES HERZ die Geschichte der jüdischen Ärztin Lilli Jahn, die zuerst nach Breitenau bei Cuxhagen deportiert und dann in Auschwitz ermordet wurde, mit DER NSU-PROZESS. DIE PROTOKOLLE die Geschichte der NSU-Morde mit dem Kasseler Opfer Halit Yozgat und die Geschichte des großen documenta-Künstlers JOSEPH BEUYS, dessen Projekt „7000 Eichen“ die Stadt Kassel bis heute nachhaltig prägt.

Und wir möchten mit der Fortsetzung des Wagnerschen „Ring des Nibelungen“, der mit RHEINGOLD und WALKÜRE so vielbeachtet begann, der Frage nachgehen, was in einer Welt passiert, in der die Liebe durch die Macht ersetzt wird. Oder der Formulierung nachgehen, die den Protagonisten von Bernsteins CANDIDE durch die ganze Welt treibt, nämlich, ob die Welt, in der wir leben, denn allen Ernstes die beste aller möglichen ist (nein, ist sie nicht!). Ähnlich große Fragen stellt sich auch unser Tanzensemble in den Stücken FIN DE SIÈCLE und DIE ENTFALTUNG, die in und für Kassel entwickelt werden.

Vom Konkreten zum Allgemeinen – dies ist die Methode, mit der das Theater die Welt untersucht, weshalb bei uns die Antworten, im Gegensatz z.B. zur Wissenschaft, emotionaler und subjektiver ausfallen werden. Als Publikum sind Sie wesentlicher Teil dieser Forschungsarbeit – Ihnen fällt eine Rolle zu, die irgendwo zwischen Konsument und Schiedsrichter liegt. Sie können und müssen sich selbst eine Meinung bilden, denn die Figuren auf der Bühne streiten ja leidenschaftlich nur um ihre eigenen Vorteile, sind also parteiisch. „Theater ist, wenn beide recht haben“, fasste das Heiner Müller einmal zusammen. Diese Situation ist mit der Standardeinstellung nicht mehr zu bewältigen. Sie benötigen dazu Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit sowie Ihre emotionalen und intellektuellen Kräfte. Zu diesem herrlichen Vergnügen möchte ich Sie von ganzem Herzen einladen!

Mit herzlichen Grüßen aus dem Staatstheater Kassel

Ihr

Thomas Bockelmann
Intendant

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