Hans-Jochem Weikert: Zu Fuß zu Gala Metzner

Kassel feiert in diesem Jahr den 1100sten Geburtstag und ich bin mit dabei! Ich darf nicht nur mit feiern, sondern durfte auch von Anfang an die Planungen für das Festjahr begleiten, das Jubiläumsprojekt leiten und darf es zu einem guten Abschluss bringen. Ich bin in 1946 als nicht eheliches Besatzungskind in einem Reiheneckhäuschen meiner Mutter in der Lossesiedlung in Bettenhausen geboren und aufgewachsen. In Wolfsanger und der Gartenstadt Eichwald habe ich meine ersten 20 Ehe- und Familienjahre verbracht und vieles erlebt.

Hans-Jochem Weikert, Leiter des Haupt- und Bürgeramts der Stadt Kassel, Projektleiter Kassel 1100. Foto: privat

Hans-Jochem Weikert, Leiter des Haupt- und Bürgeramts der Stadt Kassel, Projektleiter Kassel 1100. Foto: privat

Während der Grundschulzeit lernte ich mit den „Schmuddelkindern“ im „Dschungel“ und im „Lettenlager“ – beides Obdachlosensiedlungen der Nachkriegszeit – umzugehen. Ich „erfühlte“ das Fußballspielen mit Straßenschuhen auf dem „Spifa-Gelände“ in der Lilienthalstraße auf kernigen Ascheplätzen. Zur Friedrich-Wöhler-Schule in der Tischbeinstraße gings im Winter mit der Straßenbahn, im Sommer durch die Aue mit dem Fahrrad. Sonntags trabte ich mit einigen weiteren zehn- bis zwölfjährigen Jungs zu Fuß ins Auestadion, um Gala Metzner und Toni Helwig als Fußballgötter zu bewundern.

Wenn Mama mit mir in die Stadt zum Einkaufen ging, dann liefen wir zu Fuß bis in die Obere Königsstraße und aßen zur Belohnung ein „Stücker Speckkuchen“ aus der Bude vom Silber uffem Königsplatze. Mann, hat das geschmecket! Oder biem Fernau in der Treppenstraße holten wir uns ein Stücke Kochwurscht. Die „Sonntagsausflüge“ in der zu diesen Zwecken geschonten Ausgeh-Garderobe gingen an die Fulle (anfangs auch noch zum Baden), in die Karlsaue oder nach Wilhelmshöhe und zum Herkules. Die ersten zaghaften Kussversuche unternahm ich mit Mädchen aus der Nachbarschaft im nahe ge-legen Eichwald. Dort, am Südhang, in der Mitte des Waldstücks, ist auch heute noch mein Lieblingsplatz. Da werden die Erinnerungen an die Jugendzeit und die vielen schönen Eichwaldfeste wach.

Das tollste Eichwaldfest fand in 1954 statt. Am Sonntag, dem 4. Juli 1954, waren mehrere Hundert Besucher im Festzelt versammelt und lauschten der Radioübertragung des WM-Spiels Deutschland gegen Ungarn. So ist mir die emotionale Moderation des legendären Heribert Zimmermann beim 3:2-Sieg unvergesslich. (Tor, Tor, Tor – für Deutschland! Das Spiel ist aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!) In meinem über fünfzigjährigem Berufsleben habe ich wenige Tief- und sehr viele Höhepunkte erleben dürfen. Die Bundesgartenschau in 81 – städtebaulicher Meilenstein für Kassel. Die documenta-Ausstellungen 5 bis 13, das Brand-Stoph-Treffen, den Hessentag in den Siebzigern, und, und, und …

Kassel hat seit der „Grenzöffnung“ einige „Schönheitsoperationen“ durchgemacht – die sie zu einer der dynamischsten Städte Deutschlands gemacht haben. Kassel gehört zu den kulturell bedeutendsten Städten Deutschlands. Die Lebensqualität ist hervorragend. Unsere Stadt hat alles, was man zum Wohlfühlen braucht.

Hans-Jochem Weikert
Leiter des Haupt- und Bürgeramts
der Stadt Kassel
Projektleiter Kassel 1100

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